Test: ORC 52.2
Der neue ORC 52.2 verbindet kompromisslose Performance mit neu gedachtem Komfort. ORC lässt sich nicht vom aktuellen Trend nach immer mehr Volumen beeindrucken, sondern stellt weiterhin den Segelspass in den Vordergrund. Um die schnellen Katamarane für ein breiteres Publikum interessant zu machen, wurde die Wohnlichkeit verbessert.
Früher hiessen die ORC «TS» für «Très Simple» – und der Name war Programm! Einige der hoch- gezüchteten 50-Fuss-Katamarane aus der Feder von Christophe Barreau kamen sogar an Offshore- Regatten zum Einsatz. Nach der Übernahme der Werft in Lorient im September 2023 wollte sich die Grand Large Yachting Group wieder der ursprünglichen Kompromisslosigkeit annähern. Dieses Bestreben zeigt sich unter anderem bei den schlanken Rümpfen und dem radikalen Leichtbaukonzept, die hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten garantieren. Der bislang oft als spartanisch wahrgenommene Wohnkomfort an Bord wurde dagegen grundlegend überarbeitet und auf ein neues Niveau gehoben. Mit der markentreuen Weiterentwicklung des Konzepts beauftragte die Werft Darnet Design. Dessen Herausforderung bestand darin, Komfort und Ästhetik aufzuwerten, ohne die Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen. Für die neue Ausstattung standen 200 Kilo Verfügung, kein Gramm mehr. Äusserlich sind die Veränderungen eher unauffällig. Die Heckschürzen wurden um 60 Zentimeter verlängert und verfeinern so nicht nur die Linienführung, sondern erleichtern vor allem den seitlichen Einstieg. Auch die Rumpffenster wurden vergrössert, was zum einem das Gesamtbild dynamischer aussehen lässt, zum anderen für mehr Tageslicht sorgt. Die Räume wirken dadurch heller und grosszügiger. Damit dieser Eindruck auch bei Dunkelheit erhalten bleibt, wurde die Beleuchtung vor allem durch indirekte Lichtquellen effektvoll überarbeitet. Farbgebung, Materialien und Formen verleihen dem Vollblut-Katamaran eine sowohl optisch als auch haptisch wärmere und wohnlichere Atmosphäre. Dank des ausgewiesenen Know-hows der Werft im Bereich der Verbundwerkstoffe wiegt der ORC 52.2 nur 10,5 Tonnen. Xavier Desmarest beteuert, dass es sich dabei nicht bloss um eine Marketingzahl handle. Aus wirtschaftlichen Gründen kombiniert die Infusionsbauweise Vinylesterharz mit Glasfasern. Um das Volumen zu optimieren, wird der PVC-Schaum vorgefertigt, damit der Harzanteil reduziert werden kann. Mehrere tragende Elemente wie die Mastschott und die Schott des Grosssegel-Travellers sowie die vorderen Querträger und die Druckbalken des Bugspriets sind aus Kohlefaser gefertigt, was sie leicht und robust macht. Für zusätzliche Steifigkeit sorgen die laminierten Möbel – eine Technik, die heute nur noch selten angewandt wird.
Beim Auslaufen aus der Basis in Lorient sind die Erwartungen hoch. Obwohl für die Probefahrt lediglich ein geliehenes Dacron-Grosssegel gesetzt ist, damit der Eigner die nagelneuen Segel als Erster ausprobieren kann, beschleunigt der Katamaran sofort. Kaum sind Grosssegel gesetzt und Genua ausgerollt, schiesst der ORC 52.2 am Wind in Richtung Groix. Bei lediglich 15 Knoten Wind und weniger als 40 Grad scheinbarem Wind zeigt der Tacho bereits 10 Knoten Fahrt an. Der Schalensitz vermittelt Sicherheit, die Fussstütze ist perfekt eingestellt und die Pinne liegt sauber in der Hand: So macht das Steuern richtig Spass! Doch nicht nur am Steuerstand, auch an Deck überzeugt der Kat mit einem perfekt organisierten Layout und optimal platzierten Beschlägen. Sämtliche Manöver lassen sich sowohl vom Cockpit aus als auch auf dem Trampolin oder am Mastfuss unkompliziert und präzise ausführen. Werden die Schoten gefiert, beginnen die Zahlen auf den Instrumenten im Rhythmus der Böen zu tanzen. Obwohl der Wind nicht aufgefrischt hat, rauscht der Kat bald mit 15 Knoten übers Wasser. Unter Deck fällt sofort die weiche Polsterung im Salon auf, die den wohnlicheren Anspruch der neuen Generation unterstreicht. Die Pantry wurde ergonomischer gestaltet und bietet zusätzlichen Stauraum. Die clevere Wachkoje und der schöne Kartentisch mit Blick nach vorn sind geblieben – und das ist gut so. Auch in den Rümpfen, insbesondere im Eignerrumpf an Steuerbord, sticht die neue Ästhetik ins Auge. Strukturelle Verstärkungen und Möbel sind so aufeinander abgestimmt, dass es zu keinen optischen Brüchen kommt. Die integrierten Stoffschränke wirken ebenso elegant wie funktional. Im vorderen Badezimmer mit der hinterleuchteten Duschsäule aus Holz erreicht die Ausstattung schon fast Luxusniveau. Backbordseitig verbessern effizient gestaltete Stufen sowohl die Bewegungsfreiheit als auch den Zugang zur mittleren Koje. Der ORC 52.2 erfüllt seine Rolle innerhalb der Grand Large Yachting Group perfekt: Er konzentriert sich aufs Wesentliche und stellt das Segelerlebnis in den Fokus. Gleichzeitig spricht er dank der grösseren Vielseitigkeit, dem höheren Komfort und dem schlicht-eleganten Interieur eine breitere Zielgruppe an.



