Der America’s Cup, unerschöpfliches Labor für Exzellenz, hat die Segelwelt einmal mehr mit zwei technologischen Bomben in Staunen versetzt, die wir vor einigen Jahren auch nicht in unseren verrücktesten Träumen für möglich gehalten hätten. Am Spektakulärsten war zweifellos das Flügelsegel der USA-17, doch auch die Alinghi 5 vermochte mit einigen grossartigen Neuerungen zu beeindrucken. Die Tatsache, dass im Vorfeld des Cups niemand in der Lage war, eine seriöse Prognose in Bezug auf den Sieger zu stellen, ist kennzeichnend für die Qualität der Entwicklungen in beiden Lagern. Dennoch ist es eher unwahrscheinlich, dass an der Bol d’Or 2010 alle Mehrrumpfboote mit einem Flügelsegel antreten werden. Genauso wenig werden wohl die Konkurrenten der nächsten Fastnet-Regatta mit Laser-Ferngläsern zur Messung von Windstärke und Richtung auf bis zu 1000 m ausgestattet sein oder die Surprise-Boote an der Schweizermeisterschaft durch kaum sichtbare Schlitze am Rumpf eine umweltfreundliche Schmierflüssigkeit ablassen, um die Gleitfähigkeit der Rümpfe zu verbessern. Nicht auszuschliessen ist hingegen, dass auf den Verbindungsarmen der Regattamultis da und dort eine Luftleiteinrichtung auftaucht, wie sie auf den beiden Riesencuppern zu sehen war. Doch auch dieses Hilfsmittel dürfte nur sporadisch eingesetzt werden.
Geniestreiche am Laufmeter
Es ist ein offenes Geheimnis, dass alles, was heute zur Standardausstattung der Cruiser und Racer gehört, zunächst auf den Segelbooten des America’s Cups anzutreffen war. Jacques Taglang, ein Fachmann auf dem Gebiet der legendären Regatta, ist eine unerschöpfliche Quelle, wenn es um Anekdoten über die technischen Entwicklungen in der Geschichte des Cups geht. „Bereits bei der allerersten Regatta im Jahr 1851 kamen die Amerikaner mit einem Schoner nach England, der mit Baumwollsegeln ausgestattet war. Das war eine Weltpremiere, denn damals gab es überall nur Hanfsegel, die man erst benetzen musste, damit sie windundurchlässig wurden“, erzählt der Schriftsteller. „Die schlanken Formen der Reliance, mit denen die Wasserlinie um über 10 Meter verlängert wurde, die Verwendung von Bronze und danach von Aluminium für die Rümpfe und das Rigg, der Einsatz von Winschen, die Windmessgeber am Steuerstand, die Bordcomputer usw. – alle diese Erfindungen wurden zuerst auf den Cuppern verwendet, bevor sie auf dem Markt erhältlich waren.“ Mit dem Aufkommen der 12-Meter-Jachten und danach auch der Class America seien die Designer etwas konservativer an die Sache herangegangen, fügt Talang hinzu, da die strikteren Bauvorschriften den Extravaganzen einen Riegel gesetzt hätten. „Technologisch wurde der America’s Cup in den Achtzigern von den Hochseeregatten abgelöst.“
Wenig Neues
Kam der 33. America’s Cup also gerade recht, um einen Prozess wieder in Gang zu bringen, der durch allzu perfektionistische Vermessungsregeln ausgebremst wurde? Wohl kaum, denn die Alinghi 5 und die USA-17
verblüfften zwar, aber eher aufgrund ihrer Grösse als aufgrund der technischen Neuerungen. Sogar das vielbeachtete Flügelsegel ist alles andere als neu. Es wurde bereits am America’s Cup 1988 und auf einem von Philippe Sterns Booten gesehen. Und sogar die Katamarane der C-Klasse, die die International Catamaran Challenge Trophy – auch bekannt als „Kleiner America’s Cup“ – austragen, sind mit einem solchen Segel ausgestattet.
Paul Cayard, den wir im Februar in Valencia darauf angesprochen haben, kann ebenfalls nichts wirkliches Neues erkennen. „Flügelsegel
Christian „Blumi“ Scherrer, der bereits bei mehreren AC-Cups mit dabei war, teilt Cayards Meinung. Auch er hat in Valencia keine weltbewegenden Neuerungen gesehen, die in absehbarer Zeit in unseren Häfen Einzug halten könnten. „Ein Lasersystem, das den Wind auf eine grosse Entfernung messen kann, ist zwar unbestritten interessant, doch die Regattavorschriften würden solche Spielzeuge sicher schnell verbieten, um eine Kostenexplosion zu verhindern.“ Tatsächlich kostet das von BMW Oracle verwendete System der Firma Catch the Wind stolze 150’000 Dollar.
Die nächste Revolution steht noch bevor
In Fachkreisen ist man sich offensichtlich einig: Der 33. America’s Cup wird trotz seines ungewöhnlichen Formats nicht so sehr wegen einschneidender Innovationen als wegen seiner Masslosigkeit in die Annalen eingehen. Alinghi 5
und USA-17 werden dem Segelsport eher indirekt viel bringen. Die schon fast an Frechheit grenzende Verwegenheit, die den Bau der beiden Boote beeinflusst hat, dürfte sich auf anderen Ebenen auswirken. Wahrscheinlich wird sie die Konstruktionstechniken und das Fachwissen auf dem Gebiet der Verbundwerkstoffe einen grossen Schritt nach vorne bringen. Die nächste Revolution steht also noch bevor. Wer weiss, vielleicht wird sie schon bei der 34. Ausgabe Tatsache.