Drei Jahre hatten die Mitglieder des Hydroptère-Teams davon geträumt. Am 8. Oktober, wenige Stunden nur nach dem spektakulären Helikopterflug und der Einwasserung des Tragflügel-Katamarans in St. Sulpice am Genfersee ging der Traum in Erfüllung: Sie segelten auf ihrem neuen Prototyp, dem Hydroptère.ch. Geflogen ist der Katamaran bei seinem ersten Fahrversuch zwar noch nicht – er erreichte bei 4 Knoten Wind Spitzen von 8 Knoten -, aber schon am nächsten Tag richtete er sich erstmals erfolgreich auf seinen v-förmigen Foilern auf.
Diese ersten Tests bei Echtbedingungen erfüllten die an der Realisation des schwimmenden Laboratoriums beteiligten Designer, Ingenieure der ETH Lau- sanne, Bootsbauer der Décision SA in Ecublens und B&B in Trinité-sur-Mer und die Sponsoren Lombard Odier und Aude- mars Piguet mit Zuversicht. Nach den Bildern zu schliessen scheint das Gefährt die Erwartun- gen zu erfüllen. Spätestens im Frühling werden wir Genaueres wissen, dann nämlich wird der Hydroptère.ch nach einem kompletten Checkup in der Werft und einer weiteren Testserie Anfang März auf dem Genfersee auf Rekordjagd gehen. Geknackt werden sollen laut Bootskapitän Adri- en Lombard der Kilometerrekord, der Stunden- rekord und das Blaue Band für die schnellste Genferseeumrundung (Genf-Le Bouveret und zurück).
Komplizierte Hydraulik
Da der Hydroptère ein Konzentrat an hoch- komplizierten Technologien ist, wurde bei den Testfahrten zunächst einmal das hydraulische System auf seine Zuverlässigkeit geprüft. Insgesamt neun Hydraulikzylinder steuern und regeln nicht nur die Foiler und das Ruderblatt, sondern auch die ausfahrbaren Stufen an den Rümpfen und die Grossschot. Mit Ausnahme einiger Kinderkrankheiten scheint das Ganze zur allgemeinen Zufriedenheit zu funktionieren. „Wir sind bisher zwar auf dem Wasser geblieben und noch nicht wirklich ge- flogen“, kommentiert Daniel Schmäh vom Designteam die Versuche, „aber wir wussten schon nach wenigen Testfahrten, dass das Potenzial sowohl im Wasser als auch in der Luft vorhanden ist. An den Foilern wurden Spitzen von 25 Knoten gemessen.“
Daniel Schmäh kennt sich auf dem Gebiet der Genferseemultis nach einer Saison bei den D35 und drei Saisons auf einer M2 gut aus. „Der Hyd- roptère.ch richtet sich logischerweise weniger schnell auf einem Rumpf auf als eine M2″, bemerkt er und erklärt auch warum. „Das hat mit der überdurchschnittlichen Breite des Bootes – es misst bei einer Länge von 10,85 m (35 Fuss) 10,40 m – und mit seinem Gewicht zu tun. Es ist mit 1,5 Tonnen fast vier Mal so schwer wie eine M2. Doch während die M2 bei 20 Knoten ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht, hat der Hydroptère.ch unter seinen Foilern noch viel Luft nach oben. Auf dem Wasser ist er etwa Foilern in einer Linie hat sich diesbezüglich positiv ausgewirkt. Die bes- sere Flugstabilität, die wir bereits bei der zweiten Testfahrt feststellen konnten, verdanken wir den seit 15 Jahren gesammelten Erfahrungen und dem von den pensionierten Ingenieuren, die Alain Thébault seit vie- len Jahren unterstützen, entwickelten Flugsimulator.“
Bezüglich der vorne an den Rümpfen an einer Drehachse angebrach- ten Stufen war die Unsicherheit wesentlich grösser. Auf dem Wasser „kleben“ sie am Rumpf, können aber bis zehn Zentimeter ausgefahren werden, so dass im vorderen Drittel des Rumpfs bei hohen Geschwin- digkeiten der Reibungs- und Formwiderstand im Wasser stark verringert wird. Dieses System macht aus dem Hydroptère.ch ein „Hybridboot“ und konnte auch bereits mehrfach getestet werden. „Wenn die Stufe ganz ausgefahren ist, also mit einen Winkel von 5°, versetzt es dem Boot jedes Mal, wenn sie das Wasser berührt, heftige Schläge“, erklärt Da- niel Schmäh. „Doch wir stehen kurz vor dem Ziel, denn die Stufe sorgt sowohl für den gesuchten Auftrieb, den so genannten Lift-Effekt, als auch für den Gleiteffekt, indem sie die benetzte Fläche reduziert. Um die Wirkung dieses Systems noch zu verstärken, wird die Luft bei den Stufen durch zwei Ventile geleitet.“
Die ersten Fahrversuche im Herbst 2010 stimmen Alain Thébault und sein Team zuversichtlich. Es bleibt aber noch viel zu tun, damit das Hoch- geschwindigkeitsboot sein ganzes Potenzial ausschöpfen kann, darüber sind sie sich alle im Klaren. „Es gibt eine Unmenge Trimmmöglichkeiten, sei es an den Foilern, am Ruderblatt oder an den bislang sehr klassi- schen Segeln. Bei den Testfahrten im Oktober und November konnten wir die möglichen Einstellungen nur ansatzweise ausprobieren“, sagt Adrien Lombard. „Wir wissen zum Beispiel noch immer nicht, bei wel- cher Geschwindigkeit und bei welchen Wind- oder Wellenbedingungen man besser fliegt oder aber auf dem Wasser bleibt.“
Zwei Boote und ein Projekt
In den kommenden Monaten steht also viel Arbeit an. Aber schliesslich ist der Hydroptère.ch ja auch in erster Linie ein schwimmendes Segella- boratorium für den Bau eines viel grösseren Tragflächenkatamarans mit einer Länge von rund 90 Fuss, der die Jules Ver- ne Trophy für die schnellste Weltumsegelung gewinnen soll.
Parallel dazu erwartet auch die 60-Fuss-Version des Hydroptère ein volles Programm. Es wer- den einige Änderungen vorgenommen, um sie hochseetauglicher und vielseitiger zu machen, so dass sie ab Juni 2011 Jagd auf verschiede- ne französische und britische Rekorde, darunter die Umrundung der Isle of Wight, machen kann. Für 2012 ist dann die Überquerung des Pazifiks von Los Angeles nach Honolulu geplant.
Der Hydroptère.ch bleibt 2011 zunächst auf dem Genfersee, wo bestimmt viele Segler nach ihm Ausschau halten werden. Gegen Jahresen- de macht er dann einen Abstecher auf den Zü- rich- und auf den Luganersee.