„Es war ein Kindheitstraum, auf einem Boot zu leben. Ich hatte ihn bereits ein Jahr mit meiner Sun Fizz, einem 12 Meter langen Cruiser, gelebt. Als meine Kinder gross waren, war der Moment gekommen, den Traum ganz umzusetzen.“ Jacques Massard (56) ist ein entschlossener und glücklicher Mensch. Seine Bénéteau wurde Anfang Juli nach einer dreitägigen Fahrt durch Frankreich geliefert. Freudig machte er sich daran, das eher für Atlantiktiefs gemachte Boot an die ruhigeren Genferseebedingungen anzupassen. Bei unserem Gespräch segelt das 15 Tonnen schwere Boot gemächlich bei leichtem Séchard übers Wasser. Die drei bis vier Knoten Wind sind ideal für ein kleines Schwätzchen und eignen sich hervorragend, um die komfortable, schnittige 15-Meter-Jacht, die durch saubere, gestreckte Linien besticht und viel dezenten Luxus bietet (Design, Raum und nahtlos integrierte Funktionen, schön anzusehendes Holz und ruhige Farben) in aller Ruhe zu begutachten.
Wer aber verbirgt sich hinter dem Seefahrer, der seine Wünsche so zielstrebig verfolgt? „Ich bin ein selbstständiger Toningenieur und nehme schon seit 35 Jahren alle Arten von Musik, Vor- und Nachspanne und Tonmischungen für Filme, CDs, Theater und Kino auf. Ich habe lange mit Alain Morisod zusammengearbeitet. Wir waren rund 15 Jahre Geschäftspartner für Studioaufnahmen. Ich habe auch die Tonaufnahmen für die Gipsy Kings, Balavoine, Rachid Bahri, Le Beau Lac de Bâle und viele andere Künstler gemacht“, beschreibt er seinen beruflichen Werdegang. Wir haben mittlerweile gewendet und sind in Richtung Yvoire unterwegs, als Jacques das Thema wechselt und über seine Erlebnisse als Segler berichtet. „Ich habe viele Stunden unter dem Bug. 1984 hatte ich das Glück, zusammen mit meinem Freund Frédéric Descombes auf der 52-Fuss-Jacht Yellow Bird die Transat des Alizés von Casablanca nach Pointe-à Pitre zu segeln. 1986 habe ich eine gebrauchte,
40 m lange Sun Fizz gekauft, die ich komplett restauriert habe und mit der ich sechs Jahre lang auf dem Mittelmeer unterwegs war. Zusammen mit meiner Frau habe ich den Atlantik überquert und danach ein Jahr lang auf dieser Sun Fizz zwischen dem Mittelmeer und dem Atlantik gelebt. 1991 habe ich das Boot verkauft und aufgrund der Geburt meiner Kinder eine Segelpause eingelegt. Ausserdem musste ich wieder Geld verdienen. Ein Jahr ohne zu arbeiten ist zwar fantastisch, aber irgendwann holt dich die finanzielle Realität doch ein.“
Liebe auf den ersten Blick
Über den Auslöser, der ihn schliesslich dazu bewogen hat, sich ins Abenteuer zu stürzen, erzählt Massard: „Ich habe das Boot gekauft, weil ich mein Leben geändert habe. Meine Frau und ich haben uns getrennt und wir haben unser Haus in Genf verkauft. Dadurch war es mir möglich, das Boot zu finanzieren. Im letzten September habe ich mit meiner besten Freundin und Innenarchitektin Eva Ferri die Bootsmesse in Cannes besucht. Dort sah ich die Océanis 48 und fand sie wunderschön. Sie hat es mir auf Anhieb angetan. Das Design des Bootes, der Raum, die Linien, das Deckslayout, die Heckplattform und der Gesamteindruck haben mir sofort gefallen. Ich habe auch eine Océanis 45 angeschaut, die mir aber weniger zusagte. Natürlich habe ich auch noch andere Bootshersteller wie Jeanneau und Bavaria besucht, aber eigentlich stand meine Wahl schon fest. Die Oceánis 48 war genau das, was ich brauchte. Von da an entstand langsam und unter Zutun von Eva die Idee, die Océanis als Hausboot auf dem Genfersee zu verwenden. Es ging alles ziemlich schnell.“
Tonstudio an Bord
Ich wollte von Jacques Massard wissen, ob es nicht etwas frustrierend sei, ein Boot, das eigentlich für hohe Wellen auf dem Meer gemacht ist, nur auf dem Genfersee zu segeln. Seine klare Antwort: „Das stimmt schon, aber für mich gibt es hier auch noch ein soziales Leben, eine Familie und zwei Kinder, die 21 und 18 Jahre alt sind. Und ich habe Freunde hier. Deshalb werde ich das Boot auch noch ein paar Jahre auf dem Genfersee verwenden. Danach werden wir sehen. Ich überlege mir auch, wieder aufs Meer zu ziehen. Dabei könnte ich auch meine Tätigkeit als Toningenieur fortsetzen. Ich habe im Boot eine kleine Installation mit einem Mischpult, zwei Boxen und einem elektrischen Klavier aufgebaut. So kann ich meine Arbeit weitermachen und im Winter das nötige Geld verdienen. Natürlich handelt es sich dabei nicht um ein Aufnahmestudio, ich kann aber mischen und schneiden und Tonbänder für Film und Theater herstellen.“
Auf dem Genfersee leben kann eigentlich jeder, betont der Toningenieur. „Jeder hat das Recht, auf einem Boot zu wohnen. Diese Océanis 48 ist mein Zuhause. Für amtliche Angelegenheiten habe ich eine feste Adresse in Versoix, dorthin wird auch meine Post verschickt. Meine Wohnung ist mein Boot. Ich habe einen Bootsplatz in Port Choiseul und arbeite mit meinem Geschäftspartner Frédéric Descombes von der Segelschule Moby Dick zusammen. Wir sind im Übrigen gerade dabei, für nächsten Sommer mit der Océanis eine Törnschule aufzubauen, um Interessierte auf Hochseekurse vorzubereiten. Daneben habe ich noch andere Projekte im Köcher.“
Bevor wir anlegen, möchte ich noch vom Genfer Segler wissen, ob er an seiner Océanis Änderungen plant. „Abgesehen von dem bereits eingerichteten Studio werde ich Solarpanels und einen Davit, an dem ich mein Begleitboot festmachen kann, anbringen. Das ist aber auch schon alles. Ich habe bereits beim Kauf viele Optionen wie zum Beispiel elektrische Winschen und ein 100 m2 grosses Code Zero hinzugefügt. Die Océanis ist damit komplett!“




