„Es wird nass werden, schnell sein und wir werden Blut schwitzen.“ Loïck Peyron hätte die ersten Tage dieser gefahrenreichen Route du Rhum nicht treffender zusammenfassen können. Der junge Genfer Alan Roura gab sich beim letzten Skipper-Meeting auch nicht viel optimistischer: „Wir werden voll auf die Fresse kriegen und es wird nass“, bestätigte er. Ganz so einfach würde es also für die grossen Mehrrümpfer in der Kategorie Ultimes nicht werden, die von Lionel Lemonchois 2006 auf Gitana XI aufgestellte Bestzeit von 7 Tagen, 17 Stunden, 19 Minuten und 6 Sekunden zu unterbieten. Es sah ganz so aus, als ob die Solo-Segler eine gehörige Portion Schneid und Umsicht benötigen würden, um ihre Riesenmonster unbeschadet durch die tobenden Elemente zu bringen. Wenige Stunden vor dem Startschuss zeigte sogar Pokerface Yann Guichard, der die unter der Société Nautique de Genève eingetragene Spindrift 2 steuert, Anzeichen von Stress: „Wir müssen von Anfang an mit extremen Bedingungen rechnen. Es zieht gerade eine Front heran, was die Sache kompliziert“, schätzte der Skipper des grössten Trimarans der Welt die Lage ein. „Nach der Ausfahrt aus dem Ärmelkanal erwartet uns ein 30 Knoten starker Wind mit Böen bis zu 40 Knoten. In der Biskaya und vor der portugiesischen Küste müssen wir in Deckung gehen und uns genügend Zeit nehmen, damit das Boot keinen Schaden nimmt. Gut ist, dass wir viel im Süden unterwegs sind, wo wir Dampf machen können. Multis lieben solche Routen.“
Stürmischer Auftakt
Die Prognosen des Wahlschweizers sollten sich als richtig erweisen. Am 2. November fanden sich die 91 Boote unter schwarzem Gewitterhimmel bei Weltuntergangsstimmung vor der Pointe du Grouin ein, um den Höllenritt in Richtung Sonne und Wärme Guadeloupes unter die Rümpfe zu nehmen. Die Armada geriet in ein Sturmtief, das bereits an den ersten beiden Regattatagen mehrere Opfer forderte. Nach der ersten Nacht mussten elf Skipper ihre Träume begraben und unzählige andere einen Pit-Stop einlegen. Die Route du Rhum machte ihrem Ruf alle Ehre: Wieder einmal sorgte ein Favoritensterben für Schlagzeilen. Nur 24 Stunden nach dem Startschuss befanden sich 29 Segler wegen Reparaturen in Nothäfen oder hatten gar aufgegeben. Zu den prominenten Opfern gehörte auch Thomas Coville. Er war mit seiner Sodebo in das Heck eines Frachters gekracht. Sichtlich mitgenommen sagte der bretonische Skipper, nachdem er mit seinem Trimaran in Roscoff festgemacht hatte: „Ich fühle mich wie nach einem Verkehrsunfall, als hätte ich nachts mit einem Motorrad einen Lastwagen gerammt.“ Die erste Nacht wird wohl als einer der Schlüsselmomente in diese 10. Route du Rhum eingehen. Nach einer Achterbahnfahrt durch sechs Meter hohe Wellen bei bis zu 45 Knoten Windstärke gingen die Segler auf dem Zahnfleisch, zumal sie kaum geschlafen hatten.
Chaotische Wetter- und Seeverhältnisse
Alan Roura musste aufgrund eines Lecks an seiner Class 40 in Roscoff einen Stopp einlegen, meldete sich aber wieder zurück. Am vierten Tag kam dann das endgültige Aus. Er hatte Probleme mit dem Steuer und dem Ballast. Nach seinem 48-stündigen Alptraum meinte der Genfer enttäuscht: „Die Probleme haben sich gehäuft. Ich habe kein Vertrauen mehr in die Exonet. Das Boot und ich sind wie ein Paar, da darf es auch mal krachen, aber nicht, wenn 3500 Seemeilen vor uns liegen. Wir sind geschiedene Leute.“ Die Meteorologen hatten ruppige Bedingungen vorausgesagt. Dass der Auftakt dieser zehnten Route du Rhum aber so brutal sein würde, hätte wohl niemand erwartet. Am schwierigsten war die Lage für die Skipper auf den grössten Booten. Sie verbrachten viel Zeit am Steuer, um einigermassen durch die hohen Wellen zu kommen und nicht abzuheben. Loïck Peyron meldete über Funk, dass er vor Lissabon nur knapp einer Katastrophe entgangen sei: „In dem stürmischen 25 bis 40 Knoten starken Wind muss der Autopilot ständig neu eingestellt werden. Die Bedingungen sind geradezu höllisch. „Das Boot arbeitet sehr, sehr stark und obwohl es dank seiner Breite relativ stabil auf dem Wasser liegt, hätte ich es fast aufs Dach gelegt, als ich am Steuer einmal kurz eingenickt bin. Das hat mir einige graue Haare eingebracht!“
Bei den Multi 50 mussten sogar noch mehr Ausfälle verzeichnet werden. Nach den ersten beiden Regattatagen waren nur noch fünf der elf Gestarteten im Rennen.

Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2006 wurde dank des Sieges von Lionel Lemonchois auf Gitana XI vom Rennstall Edmond de Rothschild gehalten. Sein Skipper Sébastien Josse erreichte bei der diesjährigen Route du Rhum den 3. Platz. Er liess sogar zwei Trimarane aus der Ultime-Klasse, die einiges grösser sind als seine MOD70, hinter sich. © Alexis Courcoux
Am Dienstagabend gab Vincent Riou auf PRB sein Aus bekannt. Schuld war der Grosschottraveller, der sich vom Rumpf löste und ein Schott destabilisierte. François Gabart nutzte das Ausscheiden des Mitfavoriten, um mit seiner Macif bei den Imoca die Führung zu übernehmen.

Zu den vielen Ausfällen in den ersten Tagen gehörte auch Alan Roura, der einzige Schweizer am Start (lesen Sie das Interview in Skippers Nr. 52). © Jean-Guy Python
Währenddessen setzten die Riesen-Tris ihre Route in Richtung Passat-Autobahn fort. Je weiter vorne sie segelten, desto stärker war der Wind. Banque Populaire VII liess nichts anbrennen und baute ihren Vorsprung aus. Bei Redaktionsschluss lag Loïck Peyron 100 Seemeilen vor Yann Guichard auf Spindrift 2 und Lionel Lemonchois auf Prince de Bretagne.

den grössten Trimaran der Welt (der übrigens unter Schweizer Flagge segelt!) durch die ungebändigte See zu steuern ist ALLEIN SCHON eine unglaubliche Leistung. Yann Guichard holte sich den 2. Platz. © Jean-Guy Python


