Wer es als Organisator mit seinem Segelevent in der Deutsch schweizer TV-Sendung „Sport aktuell“ vom Sonntag auftreten darf, der hat ein Lob verdient. Natürlich war dieses Kunststück vor allem dem ehemaligen DRS Tagesschau-Moderator Alfred Fetscherin zu verdanken, der als umtriebiger Medienverantwortlicher der EM alle Beziehungen spielen liess. Die Europameisterschaft Ende Juli in Brunnen war tatsächlich speziell. Tim Street aus Grossbritannien, der internationale Klassenpräsident der Sechser, meinte begeistert: „Dass wir in den Bergen so ideale Regattabedingungen vorfinden, hatte wohl kaum einer von uns erwartet.“ Und ein deutscher Teilnehmer ergänzte: „Ich segle seit 30 Jahren auf internationalen Gewässern. Aber diese EM in Brunnen war in jeder Hinsicht das Beste, was ich je angetroffen habe.“ Beigetragen zur guten Stimmung hat natürlich auch ein Rahmenprogramm mit besonderen Highlights, unter anderem einem Galadinner auf Stadt Luzern, dem Flaggschiff der Vierwaldstättersee-Dampferfl otte.
Stabil und trotzdem elegant
Auch wenn die ältesten Boote der Sechser-Flotte schon über 80 Jahre auf dem Buckel haben, ist es immer noch faszinierend, wie sich die vier Tonnen schweren Kolosse durch das Wasser pflügen und trotz ihres schlanken Rumpfes und dem extremen V-Spant elegant und schnell wirken. Mit 10,5 Meter Länge und nur 2 m Breite ist der Sechser ein richtiger Höhewürger, ein Tummelplatz für kräftige Vorschifftrimmer, denen die riesige Genua viel Arbeit verspricht. Mitglieder europäischer Königshäuser waren von diesem Boot ebenso begeistert wie Spitzensegler. Daran hat sich über Jahrzehnte kaum etwas geändert. „Mit Freude stellen wir fest, dass zunehmend wieder junge Mannschaftsmitglieder auf den 6m JI mitfahren“, meinte der Schweizer Klassenpräsident Beat Furrer.
Kind der International Rule
Ihre Anziehungskraft verdanken die Sechser-Jachten der „International Rule“. Sie wurde anfangs des letzten Jahrhunderts mit dem Ziel ins Leben gerufen, für sämtliche Nationen eine allgemeingültige Vermessungsformel für Rennjachten festzulegen. Gleichzeitig sollte sie einheitliche Regatta- und Wegerechtsregeln für Wettfahrten schaffen. Die führenden Funktionäre der einflussreichsten europäischen Segelsportverbände setzten sich 1906 in London an den grünen Tisch, um den internationalen Regattaverband „International Yacht Racing Union“ (IYRU) aus der Taufe zu heben. Man einigte sich auf die vom Dänen Benzon entwickelte Meterformel, die ab 1908 Gültigkeit haben sollte. Die neue Meterformel führte dazu, dass auch die kleineren Binnenklassen viel robuster konstruiert werden mussten. Die Formel wurde im Laufe der Zeit aber immer wieder etwas modifiziert. Heute werden die 6er nicht mehr mit Langkiel gefahren. Von 1908 bis 1952 hatten jeweils verschiedene Varianten des Sechsers olympischen Status. In den 80er-Jahren, als die America’s-Cup-Boote nach der 12m JI Meterformel vermessen wurden, erlebte die 6m JI auch als Test- und Trainingsboot einen Aufschwung. Damals wurden erste Versuche mit Flügelkielen unternommen.
„Classics“ und „Moderns“
In der Schweiz gibt es rund 30 Einheiten dieses Bootstyps. die Sechser-Klasse ist auf dem Genfersee mit 18 Jachten am stärksten vertreten. In Sciez werden mit dem „Coupe Edmond de Rothschild“ der SNG und dem „Midinette Cup“ auch zwei Regatten ausgeschrieben. Gut zwei Drittel der in der Schweiz immatrikulierten 6er sind noch mit Langkiel ausgerüstete Classics. Genau diesen Hauch von Nostalgie wollte man auch für die EM bewahren und schrieb die Meisterschaft deshalb für moderne und klassische Boote getrennt aus. Eigner von 15 Oldies und 12 Moderns haben die Herausforderung angenommen und sind mit ihren 4 Tonnen schweren Booten aus sechs europäischen Ländern in die Zentralschweiz gereist.
Schweden und Schweizer
Auf dem Wasser schenkte man sich nichts. Bei den Classics startete die Schweizer Yacht Mecara mit zwei fünften Plätzen zwar etwas verhalten, Steuermann Reinhard Suhner vom Bodensee legte dann aber mit einem zweiten Platz und zwei Laufsiegen einen fulminanten Finish hin. Hinter dem Briten Andy Postle konnte Philippe Durr an der Pinne der Astree als zweiter Schweizer das Podest besteigen. Auch die Entscheidung bei der Modern Class blieb bis zum letzten Lauf spannend. Der Schwede Hugo Steinbeck und der Genfer Bernard Haissly, der auch auf dem 5.5er erfolgreich segelt, lieferten sich einen erbitterten Zweikampf. Beide verzeichneten je zwei Laufsiege und erst der letzte Lauf brachte die knappe Entscheidung zu Gunsten des Schweden. Einen weiteren Podestplatz für die Schweiz konnte der Berner Beat Furrer mit seiner Temptation3 einfahren. Dazu kam für ihn ein weiterer persönlicher Erfolg. Die Delegierten der „International 6m JI Association“ wählten Furrer an ihrer Jahresversammlung in Brunnen zum Klassenpräsidenten. Er folgt auf den Engländer Tim Street, der die Vereinigung während vier Jahren geführt hatte.
Traumrevier Urnersee
Einmal mehr hat sich der Urnersee als ideales Segelrevier gezeigt. Auch das Wetter hat dabei mitgespielt. Mit Ausnahme des letzten Regattatages herrschte täglich Thermik von zwei bis vier Beaufort. Was die Regatteure freute, war für das älteste teilnehmende Boot Rita mit Jahrgang 1893 zuviel. Die noch mit Gaffelsegel ausgestattete Jacht wurde im vierten Lauf kurz vor der Luvboje gleichzeitig von einer Böe und einer Welle erfasst, worauf der Mast dem Druck nicht mehr standhielt und zersplitterte. Der Crew vom Bodensee blieb nicht anderes übrig, als die Segel zu streichen. Wenn dies zwar vielleicht der letzte Auftritt der Rita war, von den andern Sechsern wird man bestimmt auch in Zukunft hören.