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Skippers

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Segeln nach American-Football-Art

von Quentin Mayerat

© Gilles Martin Raget

„Fly, fly, fly“. Yann, der Steuermann, hat nur am Steuer gezogen und der Grosssegeltrimmer das Profil des Mastes, der so hoch und breit ist wie der Flügel eines Langstrecken-Airbusses, gebeugt, und schon prescht unsere AC45 in einem Affentempo davon. Der Rammbug-Steven produziert eine Gischtwolke, die wie ein Geysir zwei Meter hoch in die Luft spritzt. Sofort hebt sich der Luvrumpf aus dem Wasser und richtet sich so steil auf, dass wir unsere Gegner durch das Trampolinnetz sehen und das Ruderblatt zwei Meter über den Wellen in der Luft schwebt. Der Leerumpf liegt tief im Wasser und pfeift wie ein Turbo. Wir segeln zwar auf einem Katamaran, aber im Wasser erzeugen wir die meiste Zeit nur eine Spur! Paradoxerweise krängen die vom BMW Oracle Design Team entworfenen und von den Neuseeländern in der Werft Core Composites gebauten neuen Cup-Boliden wie Kielboote.

Die neun in Cascais vertretenen Teams segeln für sieben Nationen, darunter China, Korea und Frankreich (mit den beiden Syndikaten Energy Team von Bruno und Loïck Peyron und Aleph von Bertrand Pacé und Alain Gautier). „Wir stehen vor einer grossen Revolution, bei der man von Anfang an mit dabei sein muss“, sagt Loïck Peyron voller Begeisterung. Er hat sich mit seinem grossen Bruder und engen Vertrauten Bruno in das Projekt gestürzt. © Gilles Martin Raget

Das ist aber vermutlich auch schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen diesen modernen Carbonspinnen und den Einrümpfern der alten Generation. Sogar der Look der sieben mit Helmen und Schutzkleidung bewehrten Athleten auf den kraftstrotzenden Rennmaschinen erinnert eher an das Outfit amerikanischer Footballspieler als an das eines eleganten Yachtmans, wie man sie aus Büchern kennt. Sie bewegen sich nicht mehr an Deck vorwärts, sondern werfen sich wie Rugbyspieler im Gefecht von einem Bug auf den anderen. Stämmige Kerle, die über 100 kg auf die Waage bringen, hechten bei jeder Wende über den grossen Mittelbalken auf die andere Seite und schlagen dabei auf dem Trampolin einen Purzelbaum. Die fünf roten Dioden auf dem vorderen Verbindungsstück haben aufgehört zu blinken. Das heisst, wir sind in die „Box“ alias Startbereich gefahren. Die fünf Kameras an Bord laufen ununterbrochen. Psst, die Mikros hören mit!

 

Arnaud Psarofaghis ist an Bord der Aleph als Trimmer mit dabei. „ich bin von der leichten Bedienung und den feinen Reaktionen des Bootes, das sogar bei 20 Knoten stabil im Wasser liegt, angenehm überrascht und überzeugt, dass das 10-tägige Training in Plymouth uns in der Rangliste weiter nach oben bringen wirds (6. in Cascais)”, sagt der junge Genfer. © Gilles Martin Raget

Rollerball lässt grüssen

Die neue Version der Vorbereitungsregatten für den 34. America’s Cup werden in Fleet- und Match-Races ausgetragen. Es wird nichts unversucht gelassen, um dem Publikum das Ereignis schmackhaft zu machen. So hingen am Wochenende des 15. August im portugiesischen Cascais überall carbongraue Spruchbäder mit der Aufschrift: „Segeln, wie Sie es noch nie gesehen haben“. Auf dem mitten im Stadtzentrum gelegenen Strand, wo sich der Simulator befand, luden Plakate ein: „Kommen Sie aufs Wasser fliegen“. Und überall sonst war vor dem Hintergrund der stilisierten Silberkanne der gleiche Slogan zu lesen: „Die besten Segler, die schnellsten Boote“. Die Kommunikationsstrategie der neuen America’s Cup Organisatoren baut auf klaren Botschaften auf. Larry Ellison hatte den Sportmarketingprofis und alten Routiniers Richard Worth und Craig Thomson, die ihre Erfahrung in der Champions League erworben haben, einen klaren Auftrag erteilt: Sie sollten die Regatta zum einzigen und ausschliesslichen Segelwettkampf weltweit machen.

Seit dem Sieg des US-Trimarans Oracle über den Schweizer Katamaran Alinghi im Februar 2010 in Valencia ist aus dem Segelwettkampf um die ehrwürdige Silberkanne eine maritime Version des Kultfilms Rollerball (von Normann Jewisson) oder, wer es vorzieht, eine aquatische Neufassung von American Football geworden. Die erste Austragung der America’s Cup World Series in Cascais war ein eindrücklicher Vorgeschmack auf das, was uns im Sommer 2013 in San Francisco am 34. AC Cup erwartet. Neun fünfköpfige Teams lieferten sich auf 45-Fuss-Katamaranen (13,60 Meter) packende Kämpfe. Angetrieben von starren Flügelsegeln lassen sich Carbonriesen blitzschnell beschleunigen und erreichen Spitzen von über 35 Knoten; das ist drei Mal so schnell wie die früheren Einrümpfer, die Ballast mitschleppen mussten, um den Antrieb der Segel auszugleichen. „Wir haben uns nicht aus einer plötzlichen Anwandlung heraus für die Mehrrümpfer entschieden, sondern Rat bei vielen anerkannten Fachleuten aus dem Segelsport und aus anderen Sportarten gesucht, allen voran bei den Entscheidungsträgern der National Football League“, stellt Russell Coutts klar. Dean Barker, der die erste Runde in Portugal auf Emirates Team New Zealand gewonnen hat, urteilt: „Es sind brutale, für die Segler sehr harte Maschinen. Wir segeln ständig auf Messers Schneide. Deshalb tragen wir auch Helme.“ Und Bruno Troublé, der Organisator des Louis Vuitton Cups und früher selbst Steuermann beim AC Cup, schätzt: „Bei gleicher Fläche produziert das Flügelsegel 45 Prozent mehr Kraft als ein traditionelles Segel.“

Schock der Kulturen

Alain Gautier, der die Feinheiten der Genferseemultis gut kennt, zügelt die Begeisterung für die neuen Boliden. „Interessant, auch wenn ich einige Regatten etwas zu kurz finde“, meint er trocken. „In 20 Minuten kann man einen Rückstand nicht wettmachen. Auf den Class America hatte man vier bis fünf Sekunden Trägheit, hier ist alles eine Frage von Sekundenbruchteilen. Bald wird der Cup ein Ding für Teenager werden. Deshalb habe ich Arnaud Psarofaghis auch angeboten, zu Aleph zu kommen.“ Mit 22 Jahren ist das Schweizer Wunderkind (zweifacher Europameister der Foiler-Moth, erfolgreicher Steuermann bei den Décision 35 und Ventilo M2, Designer und Segelmacher bei North Sails) der jüngste Segler bei diesen America’s Cup World Series. Er verkörpert die neue Generation, die der alten Dame Beine machen wird, wie kein anderer. Auch wenn die neuen Segelnationen wie China und Korea auf dem Wasser ein vielversprechendes Debüt geben, so sind es doch in erster Linie die Europäer, die den neuseeländischen und amerikanischen Meistern Paroli bieten können. Sie besitzen das Potenzial und die Erfahrung vieler französischer Mehrrumpf-Spezialisten, um in dieser Disziplin, die den Segelsport mit neuen Kursen und vor allem mit enormen Produktionsmitteln (deutlich mehr Kameras an Bord, Helikopter mit Gyroskop-stabilisierten Webcams, Jetskis für die Judges usw.) revolutionieren will, Erfolg zu haben. Wenn 2013 vor dem Golden Gate Yacht Club der America’s Cup ausgetragen wird, sind die Katamarane nicht mehr „nur“ 45, sondern 72 Fuss (23 Meter!) lang. „Segeln ist zum Extremsport geworden“, sagt der Australier John Bertrand, der erste Skipper, der den US-Adler nach 135 Jahren amerikanischer Vorherrschaft niedergestreckt hatte. Wer beim Cup Erfolg haben will, muss jung sein. Aber, wie General Douglas MacArthur in einem seiner Texte geschrieben hat: „Jung sein kennzeichnet nicht einen Lebensabschnitt, sondern eine Geisteshaltung“.

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