Swiss Sailing hat sich hohe Ziele gesetzt, dementsprechend tiefgreifend sind die Änderungen. Bislang bestand die Praxis darin, ausländische Trainer aus Frankreich, Deutschland oder Italien zu verpflichten. Damit soll jetzt Schluss sein. Swiss Sailing ist nämlich dabei, eine umfassende Trainerausbildung für die gezielte Nachwuchsförderung aufzubauen. „Natürlich handelt es sich dabei nicht um eine ausländerfeindliche Massnahme, sondern um den Willen, ein komplettes internes Ausbildungsangebot zu schaffen, ohne dass wir das angestrebte Niveau auf internationaler Ebene nicht erreichen können“ stellt Martin Vogler, Ressortleiter Jugend bei Swiss Sailing, klar.
Und dazu führt nach Voglers Auffassung kein Weg an einer breiter angelegten Ausbildungsbasis vorbei. Nur so kann der Verband sowohl regional als auch national und international auf kompetente Trainer zählen. Es musste zwar nicht bei Null angefangen werden, doch es bestanden immer noch erhebliche Lücken in der bestehenden Struktur. Zwischen der Leiterausbildung von Jugend & Sport für den Breitensport und den Bemühungen des Bundes zugunsten des Spitzensports fehlten mehrere Glieder.
Ziel: Olympia 2016
Die neue Struktur soll schrittweise eingeführt werden und im Sommer 2011 voll funktionsfähig sein. Die ersten Lehrgänge haben auch bereits stattgefunden und im Mai wurden die ersten C-Trainerdiplome erteilt. Dennoch wird das neue Konzept seine Wirkung für Olympia 2012 in London noch nicht voll entfalten können, das weiss auch Martin Vogler. Ziel ist deshalb Rio 2016. Umso mehr freut er sich, dass für 2012 bereits jetzt 20 Seglerinnen und Segler eine Selektion in den Klassen Windsurfen, Laser, 470er und Star anstreben. Beim neuen Trainerkonzept von Swiss Sailing handelt es sich um ein Vierstufenmodell mit ebenso vielen spezifischen Lizenzen, wobei die Äquivalenz mit den Diplomen in den Nachbarländern gewährleistet ist. Die erste Stufe (Trainer C) entspricht weitgehend dem J&S Leiterausweis und den speziellen J&S Qualifikationen Jolle und Führen auf dem Wasser für Personen ab 18. Swiss Sailing hat jedoch zwei weitere Voraussetzungen hinzugefügt: Anwärter auf ein C-Diplom brauchen zusätzlich einen Bootsführerschein A und zwei Jahre praktische Erfahrung in einer Segelschule. Somit ist der Erwerb einer von Swiss Olympic und dem Bundesamt für Sport (BASPO) anerkannten Lizenz also frühestens mit 20-21 Jahren möglich.
Die zweite Stufe (Trainer B) ist speziell auf Swiss Sailing zugeschnitten und
überwiegend auf Regattatheorie und –praxis ausgerichtet. Sie wird vom Verband in Zusammenarbeit mit dem BASPO angeboten, wobei dasBundesamt die Ausbildung in Bezug auf die körperliche, ernährungstechnische und psychologische Betreuung der Athleten übernimmt. Das Trainerdiplom B bildet den Übergang zwischen Amateur- und Profi segeln und ebnet den Weg vom Breiten- zum Spitzensport. B-Trainer stehen beispielsweise den Nationaltrainern im Wintertraining in Hyères und Marseille im Rahmen der Talent Pool Camps zur Seite, die vom Swiss Sailing Team unterstützt werden. Die ersten Lehrgänge für die B-Lizenz finden in der Wintersaison 2010-2011 statt. Die dritte Stufe (Trainer A) ist für den Spitzensport bestimmt und berechtigt zur Teilnahme an den BASPO-Kursen in Magglingen (Trainergrundkurs und Spitzensportausbildung). Diese Kurse richten sich an Trainer aus allen Disziplinen und behandeln Themen wie Leistungsanalyse, Kondition, technische Beurteilung, Persönlichkeitsentwicklung usw. Bertrand Théraulaz, Verantwortlicher der französischsprachigen Trainerausbildung in Magglingen, findet die Persönlichkeitsentwicklung dabei besonders wichtig: „Als Trainer muss man zunächst das eigene Wissen relativieren. Deshalb arbeite ich auch mit der Managementmethode „Handlungskompetenz, Handlungsvermögen, Handlungswille und Delegierungsvermögen“. Sie bauen auf der Erfahrung der angehenden Trainer aus den verschiedenen Sportarten auf und das ist laut Theráulaz besonders wichtig: „Bislang kam der Segelsport in der Schweiz kaum mit anderen Sportarten in Kontakt, doch er kann davon nur profitieren. „Zum Lehrgang für das A-Diplom gehört auch ein dreiwöchiges Praktikum unter der Leitung des Nationaltrainers Elite von Swiss Sailing. Abgeschlossen wird der Lehrgang mit der Berufsprüfung Leistungssporttrainer des BBT (Bundesamt für Berufsbildung und Technologie). Der Lehrgang wird erstmals im Sommer 2011 und danach drei bis vier Mal im Jahr durchgeführt. Oberste Stufe der Trainerausbildung ist die Spitzensporttrainer-Lizenz. Swiss Sailing verlangt von den Anwärtern mindestens zwei Jahre Erfahrung in einem Regionalkader und/oder einer Funktion an der Seite des Nationaltrainers. Absolventen dürfen sich mit dem höchsten Titel, dem eines „Diplomtrainers Spitzensport“ schmücken. Auch er wird vom BTT offi ziell anerkannt.
Wie kommt das neue Trainerkonzept an?
Wie das neue Trainerkonzept von Swiss Sailing in der Westschweiz, wo die grossen Segelclubs manchmal schon seit Jahrzehnten professionelle Trainer beschäftigen, ankommen wird, muss sich erst noch zeigen. Jérôme Clerc, Verwalter und Skipper des Genfer Centre d’Entraînement à la Régate (CER), glaubt, dass vor allem die Jollenszene betroffen ist und gibt sich höfl ich distanziert: „Wir haben eine andere Methode. Unsere Trainer wachsen bei uns in ihre Aufgabe hinein, wir verlangen kein Diplom. Die Kenntnisse, die sie im CER und an der Tour de France à la Voile erwerben, reichen uns aus. Und wir ha-ben damit Erfolg, wie man an der Karriere eines Dominique Wavre, Etienne David oder Julien Di Biase sehen kann. Unsere Besonderheit hängt bestimmt damit zusammen, dass wir auf Kielbooten segeln“, argumentiert er, spricht sich aber trotzdem gegen eine von der Aussenwelt abgeschottete Ausbildung innerhalb der Clubs aus. „Wenn man Erfolg haben will, muss man den Schoss des Clubs verlassen, um sich mit den Besten zu messen.“
Parallel zur Trainerausbildung wurde ein neues Projekt eingeführt, mit dem die begabtesten Jungtalente erkannt und gefördert werden sollen. Es umfasst die Betreuung der besten Nachwuchssegler in den verschiedenen Swiss Sailing Regionen, den vom Swiss Sailing Team unterstützten nationalen Talent Pool, die Förderung der Jüngsten und das Programm PISTE (Prognostische Intergrative Systematische Trainer-Einschätzung), das vom BASPO gemeinsam mit der Swiss Olympic Talents Card (SOT) von Swiss Olympic lanciert wurde.