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„Ich wäre nie so vermessen gewesen zu glauben, dass ich einmal 100 Esse-Boote bauen könnte, doch mittlerweile sind schon 200 Einheiten ausgeliefert worden“, blickt Josef Schuchter, Initiant und Inhaber der Schuchter Sportboot AG, nicht ganz ohne Stolz zurück. Dabei kam der Zürcher zum Bootsbau wie die Jungfrau zum Kind: Schuchter war Besitzer einer Autogarage, als ihm ein Kunde ein Segelboot an die Zahlung eines Neuwagens gab. Da muss sich der damals Dreissigjährige, der bis dahin gar nichts mit Segeln am Hut hatte, mit einem Virus infiziert haben, denn schon bald wurde aus dem Garagisten ein Werftbesitzer. Statt Autos pflegte Schuchter fortan die Boote seiner Kundschaft, importierte und vertrieb aber auch Sportboote und begann sich für den Segelsport zu interessieren.

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Ganz zufrieden stellten ihn die Bootstypen, die er verkaufte, aber nicht. Sie alle konnten regattamässig nur mit grosser Mannschaft gesegelt werden. Schuchter war aber überzeugt, dass der Markt nach einem einfach zu segelnden Boot mit überdurchschnittlichen Segeleigenschaften verlangte. Nach langem, vergeblichem Suchen entschloss er sich daher, den Bau einer solchen Jacht selbst in Angriff zu nehmen. Die Umsetzung seines Konzeptes vertraute er dem Designer Umberto Felci an und eine Italienische Werft wurde mit dem Bau von Rumpf und Deck beauftragt. Kiel, Ruder und weitere Elemente werden auch heute noch in der eigenen Werft in Stäfa hergestellt.

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Schneller Erfolg
Natürlich waren Entwicklung und Bau mit relativ grossem finanziellen Aufwand und Risiko verbunden. Schuchter erinnert sich gut an die intensive Bauzeit, die ihm sehr viel abverlangte: „Ich war überzeugt vom Erfolg und daraus konnte ich die nötige Energie gewinnen“, sinniert er. Nur sechs Monate nach dem Erstellen der Pläne schwamm im März 2004 die erste Esse 850. Sie funktionierte, ohne dass irgendwelche Änderungen nötig gewesen wären. Weitere drei Monate später konnten die neuen Jachten an der Sportboot-Europameisterschaft auf dem Urnersee bei 50 teilnehmenden Booten bereits einen Doppelsieg landen. Da ging ein Raunen durch die Schweizer Sportbootwelt. Als die Esse 850 an der Boot Düsseldorf 2005 zum „European Boat of the Year“ gewählt wurde, war auch der internationale Durchbruch gelungen.

Es braucht einiges, bis eine Esse so stark krängt, denn sie hat ein sehr grosses aufrichtendes Moment. © zvg
Schuchter war jetzt nicht nur Unternehmer und Produktionsleiter, sondern auch für das Marketing und die Promotion verantwortlich. „Eigentlich habe ich immer alles selbst gemacht“, sagt er, „aber ich habe eine Frau, die mir den Rücken freihält.“ Das war auch dringend nötig, denn nun ging es darum, in möglichst kurzer Zeit der enormen Nachfrage gerecht zu werden und dazu mussten die notwendigen Strukturen geschaffen werden. 2007 wurden über 40 Einheiten ausgeliefert. Schuchter stiess mit seinem kleinen Betrieb an die Grenzen des Realisierbaren. „Nur mit 200 Prozent Einsatz aller war das noch machbar“, meint er rückblickend.

Wenn kein Schwergewicht unter den Crewmitgliedern ist, kann auch zu viert regattiert werden. Das Gewichtslimit beträgt 280 Kilogramm. © zvg
Intakte Aussichten
Natürlich hat die Wirtschaftskrise auch bei Esse Boats ihre Spuren hinterlassen. Vor allem in den deutschsprachigen Ländern des Alpenraumes ist die Nachfrage aber intakt.15 Einheiten pro Jahr werden immer noch gebaut und damit ist die Schuchter-Werft ausgelastet. Die gute Reputation und die hohe Qualität der verarbeiteten Materialien sind nach wie vor gute Verkaufs-argumente, auch wenn sich die Esse 850 nicht im Tiefpreissegment bewegt.
Der Zürcher Mathias Müller hat letzten Sommer eine neue Esse 850 gekauft und zeigt sich auch von den seglerischen Qualitäten überzeugt: „Regattasegeln auf der Esse ist körperlich auch für ‘reifere’ Crews zu bewältigen. Das Boot geht bei falschem Trimm und ungeschickten Manövern nicht unter, es kommt sogar gut damit zurecht und verzeiht vieles. Aber wenn man richtig schnell sein will, muss man auch alles richtig machen.“
Auch Spitzensegler loben die Segeleigenschaften der Esse 850. Fanny Brouchoud, die zusammen mit Alain Marchand und Team Ottocinque den Meistertitel 2013 holte, meint: „Ich mag das Boot, weil es am Wind schnell ist und man sehr viel Höhe fahren kann. Gleichzeitig läuft die Esse 850 auch auf Vorwindkursen unter Gennaker ausgezeichnet. Boote, die diese beiden Eigenschaften haben, gibt es nicht viele.“
Schuchter glaubt nicht, dass die Esse 850 ihren Zenith schon überschritten hat: „Wenn das Produkt gut ist, sind die Zyklen länger, bei uns ist noch viel Zug drin. Die Klasse wird noch lange aktiv und aktuell sein. Wir dürfen aber keine Änderungen der Klassenvorschriften erlauben. Die alten Boote müssen konkurrenzfähig bleiben.“
Zum runden Geburtstag seiner Esse 850 erhält der mittlerweile 64-jährige Schuchter ein besonderes Geschenk aus der eigenen Familie: Einer seiner drei Söhne hat Bootsbauer gelernt und wird nach seinen Wanderjahren diesen Frühling in die Familienwerft zurückkehren. Josef Schuchter freut sich bestimmt, etwas kürzer treten zu können.