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Gitana: 150 Jahre Pioniergeist

von Olivier Evain

Der berühmte Rennstall feiert dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Die maritime Saga nahm 1876 ihren Anfang, als La Gitana der Baronin Julie de Rothschild auf dem Genfersee eingewassert wurde, und erreichte im Februar dieses Jahres mit dem Stapellauf des foilenden Maxi Edmond de Rothschild ihren vorläufigen Höhepunkt.

Text ) Olivier Evain

Vor gut 150 Jahren nahm die Familiensaga auf dem Genfersee ihren Lauf. 1875 tat Baronin Julie de Rothschild etwas, das vor ihr kein Mitglied ihrer Familie und nur wenige Frauen ihrer Zeit gewagt hatten: Sie bestellte in ihrem eigenen Namen eine sportliche Dampfjacht. Ihre Ansprüche waren hoch. Zwei Prototypen wies sie zurück, weil sie ihr zu langsam waren. Entnervt wandte sie sich an die Londoner Werft Thornycroft.

Julie, die Admiralin vom Genfersee

Auch beim Namen hatte die Baronin genaue Vorstellungen. Wenige Wochen vor ihrer Bestellung war in Paris Bizets Carmen uraufgeführt worden, 20 Jahre nach Verdis Il Trovatore und seiner Zigeunerin Azucena. Das brachte Julie de Rothschild auf die Idee, den in Einzelteilen per Bahn nach Morges transportierten und im Sommer 1876 von den englischen Arbeitern von Thornycroft vor Ort zusammengebauten Dampfer La Gitana zu taufen. Ihre Ehe war arrangiert und die Namenswahl ihre Art, sich gegen die Konventionen aufzulehnen.

Bereits beim Stapellauf am 21. September 1876 übernahm die liebevoll «Admiralin» gerufene Baronin das Kommando, führte die Manöver selbst aus und reihte Sieg an Sieg. Am 3. April 1879 knackte La Gitana als erstes Schiff die 20-Knoten-Marke und stellte damit einen Weltrekord auf. Als ein Nachbar aus Prangins sie auf seiner Sevillana schliesslich vom Thron stürzte, reagierte die mittlerweile 68-Jährige prompt. Sie wollte eine solche Schmach nicht auf sich sitzen lassen und gab umgehend die Gitana II in Auftrag. Die «schnellste Yachting Lady der Welt» segelte bis zu ihrem letzten Sommer.

Edmond oder die Kunst der Regatta

Nach dem dunklen Kapitel der Kriegsjahre liess Edmond de Rothschild Anfang der 1960er-Jahre die Flamme wieder aufleben. Aus Eitelkeit verfügte er, dass Gitana auf Französisch fortan in der männlichen Form verwendet werden sollte.

Mit der Gitana IV gewann er 1965 das Fastnet in Rekordzeit und setzte seinen Stil durch. An Bord musste sich die Segler siezen, trotzdem hatte der Baron Humor. Als er von Aga Kahn zum Essen eingeladen wurde, antwortete er schalkhaft: «Gerne, wir werden zu fünfzehnt sein. Ich segle nicht nur mit meinen Freunden, ich esse auch mit ihnen.»

Seine wohl schönste seglerische Errungenschaft aber war die Weitergabe seiner Liebe zum Segelsport. An den Regatten von Helsinki entdeckte Edmond von Rothschild halb amüsiert, halb irritiert seinen Sohn Benjamin am Ruder der Gitana Junior, die angetreten war, um die Gitana Senior herauszufordern. Das Duell zwischen Vater und Sohn war mehr wert als jedes Testament.

Das Zeitalter der Multis und der Foiler

Benjamin de Rothschild trat 1997 Edmonds Erbe an und gründete 2000 mit dem Gitana Team den ersten Profi-Offshore-Rennstall. Die fünf Pfeile im Logo stehen für die fünf Zweige der Familie. 2006 landete Lionel Lemonchois an der Route du Rhum einen Überraschungssieg und machte das Team endgültig zu einer festen Grösse im Hochseesegeln. Ab 2015 verfolgte der Baron zusammen mit seiner Frau Ariane das verwegene Ziel, einen Maxi-Trimaran auf offenem Meer zum Fliegen zu bringen. Der 2017 zu Wasser gelassene Gitana 17 wurde zum Vorreiter der Foiler-Ära und «flog» von Erfolg zu Erfolg. Seine Bilanz: zehn Siege und 15 Podestplätze bei 16 gestarteten Regatten, ein Rekord bei der Route du Rhum 2022 und der Sieg von Charles Caudrelier an der Arkea Ultim Challenge 2024, der ersten Einhand-Weltumsegelung der Ultim-Klasse.

Maxi Edmond de Rothschild, die nächste Revolution

Das jüngste Kapitel dieser Geschichte wird gerade geschrieben. Am 3. Dezember 2025 wurde in Lorient mit dem Maxi Edmond de Rothschild das 28. Schiff der Saga vorgestellt. Mit dem futuristischen Gefährt hat der Rennstall Revolutionäres vor: Er will sich vom Hybridflug verabschieden und zum reinen Foilen übergehen.

Die Eckdaten des Carbon-Giganten machen schwindlig: 32 Meter Länge, 23 Meter Breite, ein mehr als 38 Meter hoher Mast bei einem Gewicht von gerade einmal 19,5 Tonnen, 200 000 Stunden Bauzeit, 50 000 Stunden Entwicklungsarbeit und mehr als 200 beteiligte Personen. Seine Waffen: einziehbare Y-Foils, speziell entwickelte, kavitationsfeste Ruder, ein schwenkbares Schwert sowie während der Fahrt verstellbare Salinge, mit denen sich der Mast trimmen lässt.

Diese Innovationen sollen für 10 bis 15 Prozent mehr Tempo sorgen, dies bei einer Tragfläche von nur gerade 8 Quadratmetern. «Ideal wäre es, möglichst hoch zu fliegen, ohne jemals die Wellen zu berühren. Wir hoffen, bei drei Meter hohen Wellen foilen zu können und dabei eine Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 40 Knoten zu erreichen», verriet Charles Caudrelier.

Das Projekt ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein künstlerisches Meisterwerk. Florian und Michaël Quistrebert haben es gemeinsam mit dem Palais de Tokyo entworfen. Die monumentalen Motive auf den Segeln zeigen fünf Frauengesichter: das von Ariane de Rothschild und ihren vier Töchtern.

Die Feuertaufe folgt am 1. November mit dem Start zur Route du Rhum. Irgendwo hoch über dem Genfersee schaut die Admiralin bestimmt lächelnd zu.

Photos ) Yvan Zedda, Yann Riou, Eloi Stichelbalt, Gitana SA

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