Zum Hauptinhalt springen

Skippers

🏛 » Segeln zwischen Sandbänken

Segeln zwischen Sandbänken

von Quentin Mayerat

Die nördliche Bretagne ist dafür bekannt, dass die Gezeiten hier besonders stark sind. Sie gehört aber auch zu den schwierigsten und technisch anspruchsvollsten Segelrevieren der Welt. Überall ragen Felsen bis knapp unter die Wasseroberfläche, als warteten sie nur da-rauf, den Schiffsrumpf unachtsamer Seeleute zu rammen. Doch eigentlich hat diese Besonderheit etwas Faszinierendes. Fremde müssen die Gezeitenberechnungen im Schlaf beherrschen, auch wenn sie nur für einige Wochen in die Region reisen. Ein Fehler kann fatale Folgen haben. Hier hat die Wassertiefe das Sagen. Der Segler muss sich ihr beugen und nicht umgekehrt. Das setzt Respekt und Demut voraus und viel Zeit, um sich mit dem wechselhaften Meer anzufreunden und es zu bändigen. Der Aufwand lohnt sich aber!

Die Genfersee-Regionalgruppe des Cruising Club der Schweiz, die in der Schweiz Kurse für die Erlangung des Hochseeausweises anbietet, organisiert seit einigen Jahren einwöchige Törns in der nördlichen Bretagne, bei denen speziell das Stranden gelernt wird.

Ausgangspunkt des Abenteuers ist St-Quay-Portrieux am Westufer der Bucht von St. Brieuc.

Dort geht die sechsköpfige Crew an Bord des Schiffs, das uns eine Woche lang über die Wellen tragen wird. Die Feeling 356 ist ein Integralschwertboot, bei der das Schwert bis auf 65 cm hochgezogen werden kann, sodass auch die hintersten Winkel der bretonischen Küste befahrbar sind. Nach dem Bunkern und der Besichtigung des Bootes ist es Zeit, den Anker zu lichten.

Sandbankhüpfen

Erstes Ziel ist die Ile de Bréhat rund 19 Seemeilen westlich von St-Quay-Portrieux. Wenn wir so nahe wie möglich an die Küsten heransegeln wollen, bevor sich das Meer zurückzieht, müssen wir uns beeilen. Mehrmals müssen wir den Motor anwerfen, um unser Stelldichein mit den Gezeiten nicht zu verpassen. Wir umrunden die Ile de Bréhat und ankern in der Bucht La Corderie, die die Insel in zwei Teile teilt. Hier ist er, der Zauber der Bretagne! Wir suchen nach einem sandigen Untergrund, lassen uns davon überraschen, was unter dem Rumpf plötzlich zum Vorschein kommt, und werden schliesslich fündig. Jetzt müssen wir nur noch warten, bis sich das Meer zurückzieht. Das Manöver dauert seine Zeit. Bis der Sand das kleine Stück des überstehenden Schwertes umgibt, vergehen mehrere Minuten. Bei aufgewühltem Meer schlagen die Wellen hart gegen den Rumpf und im Bootsinnern fliegen unbefestigte Gegenstände durch die Luft. Zum Glück sind die Wettergötter bei unserer Premiere gnädig gestimmt. Als sich das Meer jedoch ein letztes Mal aufbäumt, bevor vollständige Ebbe herrscht, kippt das Boot mit einem Schlag zur Seite und ist nicht mehr aufzurichten. Wir sind dazu verdammt, sechs lange Stunden schräg zu stehen. Wir lassen uns davon aber nicht die Laune verderben und erkunden stattdessen die Umgebung. Im Lauf der Zeit werden die Boote immer weniger und die Spaziergänger und Muschelsucher immer zahlreicher. Zwischen den Schiffen spielen ausgelassen Kinder.

Die zerfurchte Küste der 3,5 km langen, auto- und campingfreien Insel ist mit rosa Granitfelsen gesäumt. Den Kern bildet der Dorfplatz, wo es meist sehr lebhaft zugeht. Ein grosser Teil der Insel ist aber naturbelassen. Bei einem Spaziergang zum Paon-Leuchtturm im Norden der Insel erhält man ein eindrückliches Bild der kargen Mondlandschaft. Viel Zeit bleibt uns aber nicht mehr, wenn wir nicht bis zu unserem Boot schwimmen wollen.

In Bréhat hissen wir die Segel für eine 45 Seemeilen lange nächtliche Überfahrt zur anglonormannischen Insel Jersey. Dabei werden wir von Tausenden von Sternen und dem Vollmond begleitet. Wir fühlen uns frei und fast so, als wären wir allein auf der Welt. Acht Stunden später empfängt uns die Bucht St. Aubin mit offenen Armen. Wir suchen hinter der auf einer kleinen, etwas abgelegenen Insel errichteten Burg, die bei halber Ebbe auf dem Trockenen liegt, Schutz, warten, bis der Sandboden sichtbar wird und sich die Krabben eiligst in Sicherheit bringen und springen dann von Bord, um zu Fuss bis zum Hafen zu gehen. Er sieht aus, als stecke er in einem Dornröschenschlaf. Alle Boote sind festgemacht, ihre Ketten liegen schlaff am Boden. Unsere Köpfe reichen gerade Mal bis zum Kiel, so tief steht das Wasser.

Chausey, die Unbezähmbaren

In einer zweiten nächtlichen Überfahrt erreichen wir die rund 28 Seemeilen südöstlich von Jersey gelegenen Chausey-Inseln und werden dort von Delfinen begrüsst. Wir bahnen uns einen Weg durch den Sund, so weit hinaus wie möglich, dorthin, wo sich das Wasser als erstes zurückzieht und das Wattenmeer freigibt. Kaum vorstellbar, dass diese unglaubliche Landschaft bei Flut vollkommen verschwindet und weit und breit nur noch das Blau des Meeres zu sehen ist. Kilometerweit erstreckt sich der sandige Grund. Er wird nur von Felsen durchbrochen, die von der unaufhörlichen Bewegung des Wassers glatt geschliffen wurden. Bevor wir uns in das steinerne Labyrinth wagen, machen wir Orientierungspunkte aus, denn hier hat man sich schnell verirrt. Schwer zu glauben, dass wir auf dem Grund des Meeres laufen. Ohne das kühlende Wasser wird der Sand warm und die Luft erdrückend heiss. Kein Baum und kein schattiges Plätzchen, an dem wir uns etwas abkühlen könnten. Uns bleibt nur eins: Wir müssen uns gedulden, bis das Wasser zurück ist.

Launen der Natur

Wir sind wieder an der französischen Küste in der Rothéneuf-Bucht westlich von St. Malo. Aus der riesigen Bucht läuft langsam das Wasser ab. Die Boote krängen, nur unseres nicht, denn mittlerweile sind wir Experten. Immer mehr Kinder strömen mit ihren Eimern und Schaufeln herbei. Frischvermählte trotzen dem sandigen Grund, um sich inmitten der brach liegenden Boote fotografieren zu lassen. Einige Meter vor unserem geparkten Boot reiten Pferde vorbei – zugegeben kein alltägliches Bild für Seeleute. Seemänner fühlen sich auf ihren Schiffen ziemlich allein. Sie können in die Weite blicken und den Horizont absuchen so lange sie wollen, das Wasser ist tatsächlich verschwunden. Da helfen auch die besten Navigationskenntnisse nichts. Hier bestimmt die Natur. Wenn das Meer zurückkehrt, kann auch unser Boot wieder in See stechen und das Abenteuer an einem anderen Ort fortsetzen.

Dans la meme categorie