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Vom Glück, Mythos hautnah zu erleben

von Quentin Mayerat

Den Kopf voller Postkartenidyllen haben wir das Gepäck für den Flug nach Tahiti aufgegeben. Unsere Gedanken kreisen um den Mythos des verlorenen Paradieses, des Garten Edens der Südhalbkugel und der betörenden Vahines. Seit unserer frühesten Kindheit wurden wir mit traumhaften Bildern über Polynesien regelrecht überhäuft. Die Meuterei auf der Bounty, Jacques Brel und seine Marquises, Gaugins Bilder und die Akte des Fotografen Als Sylvain: Sie alle singen ein Loblied auf dieses französische Überseegebiet.

Der schier endlose Flug ans andere Ende der Welt ist eine Tortur, bei der man zwischen Vorfreude und Zweifeln hin und herschwankt. Wir können es kaum erwarten, uns ins Abenteuer zu stürzen. Gleichzeitig plagen uns Bedenken, dass sich dieser Traum eines jeden Fahrtenseglers als Alptraum entpuppen könnte und der Zauber wie eine Seifenblase zerplatzt. Kinderträume sollte man doch eigentlich Kinderträume sein lassen… Zu spät! Kaum wird die Tür des Flugzeugs geöffnet, zieht uns Polynesien mit seinen süssen Verlockungen in seinen Bann. Mit triumphaler Musik, Tänzen, Blumenketten und der sprichwörtlichen, grundehrlichen Gastfreundschaft werden wir von den Einheimischen begrüsst. Ein Sirenengesang, dem man unmöglich widerstehen kann! Tahiti, die Geschickte, und ihre Hauptstadt Papeete streifen wir trotz ihrer unbestreitbaren tropischen Reize nur kurz. Keine Lust auf Touristengemenge, emsiges Treiben und noch weniger auf Asphalt und Verkehrschaos. Wir wollen so schnell wie möglich zu den berühmten Inseln unter dem Wind, allen voran nach Bora Bora. Voller Tatendrang gehen wir an Bord unserer Charterjacht Chris Marie, einer geräumigen Moorings 4600.

Vier Gärten Eden direkt vor unserem Bug

Elf wertvolle Tage haben wir für die Erkundung des Archipels Zeit. Also konzentrieren wir uns auf die vier Inseln, die sich am nächsten bei der Marina befinden, und verzichten auf Tupai und Maupiti. Sie liegen viel weiter entfernt und hätten uns einen deutlich schnelleren Rhythmus abverlangt, dem so manch ein Zwischenhalt zum Opfer gefallen wäre. So können wir gemütlich um die vier gebirgigen Inseln Raiatea, Tahaa, Huahine und Bora Bora schippern. Ihre Umrisse sind ähnlich: hohe Gebirgsmassive im Zentrum (der Mt. Tefahua ist über 1000 m hoch!), gefolgt von Felswänden und Grünschattierungen in unendlich vielen Varianten. Raiatea, die grösste und naturbelassenste, gilt als heilige Insel, als Wiege der polynesischen Kultur. In der Mythologie ist sie als Erste entstanden. Überreste alter Kultur sind hier im Überfluss vorhanden, die spirituelle Kraft der Marae scheint noch immer die Gemüter zu prägen. Mit Aus-nahme der Chartergesellschaften, die alle ihre Basen in der Nähe des Flughafens haben, ist so gut wie kein Tourismus vorhanden. Taha, die Landwirtschaftliche, die sich mit Raiatea die Lagune teilt, ist die Insel der Düfte und der Gemüse- und Obstplantagen, Vanille, Kopra, Taro, Bananen, Mangos, Sternäpfel, Ananas, Zitronen: Das Klima hat ein Schlaraffenland entstehen lassen, in dem grösstenteils intensive Landwirtschaft betrieben wird. Am Ufer werden in mehreren Perlfarmen durch Befruchtung der Austern die weltberühmten schwarzen erlen gezüchtet.

Huahine, die „Fraueninsel“, ist zeitlos authentisch geblieben, ihre Ur sprünglichkeit wird auch von den wenigen kleinen Hotels und Familien pensionen nicht gestört. Hier scheint das Leben noch langsamer dahinzuplätschern als auf den anderen Inseln und die Gemächlichkeit ist ansteckend. Ihren Übernamen soll Huahine der Form der Berge verdanken. Ihr Umriss erinnert an eine in den Geburtswehen liegende Frau mit angewinkelten Beinen.

Bora Bora schliesslich, die „Perle des Pazifiks“ und Luxustourismus- Hochburg, ist trotz der vielen Hotelpfahlbauten ein Konzentrat aus Postkartenlandschaften. Ihre Ankerplätze aber sind zu unserer Freude menschenleer und unberührt. Die legendäre Schönheit der Berge, hin ter denen die untergehende Sonne jeden Abend ein Feuerwerk verantaltet, ist kein Märchen, sondern wunderschöne Realität. Böse Überraschungen haben wir bisher keine erlebt. Wir dürfen weiterträumen.

Maeva! Willkommen!
Ia Or ana! Das sanft hingehauchte Hallo der Tahitianer schmeichelt unseren Ohren bei jeder Begegnung neu. Überall werden wir so überschwänglich und ehrlich begrüsst, dass wir darüber vergessen, dass wir nur Besucher auf der Durchreise sind. Überall herrscht entspannte, wunderbar menschliche Dorfstimmung. Schwer, die wenigen Popa’a, wie die „Weisshäute“ genannt werden, nicht zu beneiden, die so verrückt oder weise waren, den Ausstieg zu wagen und sich für immer auf diesen bezaubernden Inseln niederzulassen. Die Atmosphäre der Inseln unter dem Wind brennt sich in unsere Köpfe. Auch an viele Klänge werden wir uns erinnern, an das chaotische Krähen der Hähne zum Beispiel, das untermalt vom schrillen Singsang der Insekten einen neuen, wunderbaren Tag in den Tropen ankündigt. Und an Gerüche, an den betörenden, schweren Duft der in unserem Salon aufgehängten Blumenketten, gemischt mit dem kräftigen Parfum des Waldes, der die schwarzen Basaltfelsen der Gebirge bedeckt – von visuellen Eindrücken gar nicht zu reden… Die polynesischen Gewässer schaffen es genauso wenig den Mythos des Paradieses anzukratzen wie die Inseln. Sogar die Farben scheinen sich gegenseitig ausstechen zu wollen. Strahlendes Smaragdgrün rivalisiert mit grellem Blau. Gesegelt wird hauptsächlich im Innern der Atolle, in den grossen, vom Seegang geschützten Lagunen. Hinterlistig verbergen sich dort die Korallen unter der Wasseroberfl äche, so dass wir ständig auf der Hut sein müssen. So friedlich die Lagunen auch daliegen mögen, so gefährlich können sie sein. Unzählige Boote sind hier schon auf Grund gelaufen oder wurden von den gar nicht so seltenen hohen Wellen an die Riffe gedrückt. Der Gedanke daran lässt uns schaudern. Trotz dieser Fallen bieten sich uns unendlich viele Ankermöglichkeiten: eine Kabellänge von einem Dorf oder einem einsamen Strand entfernt, am Fuss von senkrecht ins Meer abfallenden, dicht begrünten Felsen, mitten im Wasser, von Korallengruppen umgeben, im Schutz eines Motu, jenen kleinen, auf dem Riff gestrandeten Inseln. Beschränkt wird die Wahl nur durch unsere Wünsche und natürlich unsere Navigationskünste. Wir sind allein, ab und zu sind in der Ferne zwei, drei andere Segelboote zu sehen. Ein unglaublicher Luxus, der durch einige vorweise Delfine, die um unser Boot kreisen, noch getoppt wird.

Neben dem Segeln und den Landausfl ügen wird unsere Zeit von Tauchgängen in Anspruch genommen. Wir haben angebissen und können nicht genug bekommen. Manchmal tauchen wir aufs Geratewohl und verlassen uns auf unser Glück, manchmal befolgen wir Tipps von Einheimischen. Drei Spots haben uns besonders beeindruckt: „Le Jardin“ in Tahaa, ein Korallenlabyrinth in einem seichten Kanal, in der eine starke Strömung herrscht und man sich im Zickzackkurs treiben lassen kann, das „Aquarium“ in Bora Bora, ein Massiv aus Korallengruppen, um das hysterisch eine unfassbar grosse Anzahl verschiedener Fischschwärme schwirrt, und der vielleicht eindrücklichste der drei Spots, die „Pointe de Tuiahora“ auf Bora Bora, wo in einer Spalte mitten in der Lagune in 23 Metern Tiefe eine Kolonie aus Mantarochen haust. Körperlich anstrengend, aber mehr als nur die Mühe wert!

Unwiderstehliches Charisma
Überwältigende Landschaften, unberührte, reizvolle Ankerplätze und die faszinierende Unterwasserwelt, in der es von Tieren und Pfl anzen nur so wimmelt, sorgen für einen von A bis Z gelungenen Törn und eine Unmenge unvergesslicher Erinnerungen. Der grösste und schönste Schatz unseres Trips ist aber unsere Begegnung mit dem polynesischen Volk, vom dem schon die Begründer der Legende Wallis, Cook und Bougainville so geschwärmt haben. Die Gastfreundschaft und die Offenheit der Inselbewohner kommen in unendlich vielen Details und Alltagserfahrungen zum Ausdruck: in der lieblichen Schönheit der Vahines, ihren ewig frischen, verführerisch duftenden Blumen hinterm Ohr oder um den Hals, in ihrer Kunst, Fisch zuzubereiten, roh, halb gegart, mit Kokosmilch oder Taro, und in der lässigen Art auf der Strasse zu grüssen und zu danken, stets ruhig, nie gehetzt.

Ebenso eindrücklich ist die spirituelle Dimension der polynesischen Kultur. Ihr anzugehören erfüllt die Einheimischen mit grossem Stolz. Auf die Überlieferung der Mythologie und den damit verbundenen Erhalt der vielen religiösen Denkmäler, allen voran den Marae, wird deshalb auch grosser Wert gelegt. Man nimmt die Gründungslegenden zwar nicht wörtlich, trotzdem findet sich immer jemand, der behauptet, dass er jemanden kennt, der jemanden kennt, der mitten im Wald den Geistern alter Krieger begegnet sein. Besonders deutlich zum Ausdruck kommt die-se Spiritualität im allgegenwärtigen Brauchtum, bei Tänzen, Musik oder Tätowierungen. Viele Jugendliche gehören traditionellen Tanz-gruppen an und trainieren das ganze Jahr hindurch hart, manchmal an mehreren Abenden pro Woche, für das grosse Festival Heiva i Tahiti in Papeete. Auch ihre Beziehung zum Wasser ist bemerkenswert. Die Polynesier sind ein Volk des Meeres und scheinen keine Gelegenheit auszulassen, in oder aufs Wasser zu gehen. Tagsüber und nachts fahren sie mit ihrem Kahn zum Angeln aufs offene Meer oder in die Lagune, ansonsten gehen sie auf Unterwasserjagd, surfen, spazieren am Ufer entlang, schwimmen, plantschen im Wasser oder üben ihren Nationalsport aus: Wettfahrten auf Ausleger-Pirogen. Sogar der gefährliche Tigerhai findet vor ihren Augen Gnade. Er ist Teil der Natur und vielleicht die Wiedergeburt eines Verstorbenen.

Auch wir konnten uns dieser gewollt mystischen, zeitlosen Spiritualität nicht entziehen. So nüchtern waren wir allerdings noch, um uns nicht dem ersten grossen Hai vors Maul zu werfen oder uns wie ein Maori das Gesicht tätowieren zu lassen. Wir liessen uns aber dazu hinreissen, die lokale Lässigkeit zu übernehmen und, zugegeben, im Geheimen Pläne für ganz grossen Ferien zu schmieden. Nach der Rückkehr in unser trautes Heim haben wir dann mit ungebrochener Begeisterung das unsere zum polynesischen Mythos beigetragen.

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