Der Schweizer Defender hätte sich für die Alinghi 5 keinen besseren Einstand erträumen können. Indem er seinen Hightech-Katamaran am Nationalfeiertag der Öffentlichkeit vorstellte, eroberte er die Herzen der Fans im Sturm zurück. 10‘000 Personen drängten sich am Lausanner Seeufer, um der Präsentation des Karbonriesen beizuwohnen. Danach geleiteten mehrere Hundert Segel- und Motoroote die Alinghi 5 nach Genf. Der Tross bot ein unbeschreibliches Bild, als er sich übers Wasser schob und in Morges, Rolle und Nyon Halt machte. Um das Glück perfekt zu machen, spielte auch das Wetter mit. Sonnenschein und ein leichter Wind verwöhnten Beteiligte und Zuschauer.
Gerichtsstreit ad acta gelegt
Die Begeisterung der Menge und der Teammitglieder hat gezeigt, dass der Auslöser des Rechtsstreits – ein als missbräuchlich erachtetes Protokoll und ein Alibiclub als Challenger of Record – vergessen ist. Obwohl ein Teil der Segelgemeinschaft lange die Position von BMW Oracle verteidigte, scheint die Popularität des amerikanischen Challengers mittlerweile einen Tiefststand erreicht zu haben. Das von Russell Coutts angeführte Syndikat hat den Sympathiewert unterschätzt und, wie sich jetzt herausstellt, zu seinen Ungunsten auf eine trockene, auf reine Fakten gestützte Kommunikation gesetzt. Die Strategie war ein Schuss nach hinten. Egal, auf welcher Seite die Sympathien liegen, niemand zweifelt daran, dass Alinghi das Duell schon fast gewonnen hat. Der Kampf auf dem Wasser steht zwar noch aus, doch nach der letzten Niederlage am New Yorker Berufungsgericht ist es Ernesto Bertarellis Syndikat gelungen, Zeit zu schinden und sich einen Vorsprung auf den Challenger zu verschaffen. Dieser scheint in die eigene Falle gegangen zu sein, hat aber sicher noch nicht alle Karten ausgespielt. Dennoch: Sein Handlungsspielraum ist deutlich geschrumpft und er muss sich Einiges einfallen lassen, wenn er wieder Oberhand gewinnen will.
Schon jetzt eine Legende
Am 1. August, an dem der schweizerische Nationalstolz so gross ist wie sonst an keinem Tag im Jahr, waren Oracle und seine möglichen Projekte aber kein Thema. Minderwertigkeitskomplexe hat das kleine Alpenland keine mehr. Es ist nämlich durchaus in der Lage, dem arroganten Riesen aus Amerika, der an allen, sowohl finanziellen als auch sportlichen Fronten angreift, die Stirn zu bieten. Der weisse Katamaran, den die Bevölkerung am Nationalfeiertag erstmals zu Gesicht bekommen hat, ist ein starkes Symbol für das neu gewonnene Selbstvertrauen. In seinen Bau sind Elemente des viermaligen 41-Fuss-Siegerkats der Bol d’Or eingeflossen. Das Resultat ist nicht nur ein ästhe•tisches, sondern auch ein technologisches Wunderwerk. Selbst das Team ist begeistert und lobt „seine“ Alinghi 5 in den höchsten Tönen: „Es ist das schönste Boot der Welt“, schwärmt Yves Detrey, der den ganzen Tag schon ein breites Grinsen zur Schau trägt. Auch Nils Frei, ein weiterer Schweizer im Team, ist hingerissen von dem weissen Riesen. „Es ist alles gelaufen wie geplant, das ist extrem positiv“, sagt der Bieler. „Es gab kei•ne bösen Überraschungen. Die Planungsarbeit war bemerkenswert. Was
wir aus der ‘Black’ gelernt haben, ist extrem wertvoll.“
Genfer Empfang mit Pauken und Trompeten
Nach ihrer eindrücklichen Parade auf dem Genfersee, bei der sie zwi•schenzeitlich sogar ihren Gennaker entrollt und einen Rumpf aus dem Wasser gehoben hat, legte die Alinghi 5 vor der SNG, dem Defending Yacht Club an. Die gerade erst aus Washington zurückgekehrte Bundes•rätin Micheline Calmy-Rey überreichte Fred Meyer und Ernesto Bertarelli die Schweizer Flagge, die sie dann auch gleich selbst setzte. Die bei•den Genfer Staatsräte François Unger und David Hiller machten dem gigantischen Katamaran auf einem speziell hergerichteten Frachtkahn ihre Aufwartung. Danach hatten die Clubmitglieder Gelegenheit, das Se•gelschiff aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Auf dem See herrschte den ganzen Nachmittag dichtes Gedränge; er war mit Booten geradezu übersät. Beim Anblick der vielen Fans auf dem Wasser ka-men bei mehreren Anwesenden Erinnerungen an Auckland und Valencia hoch, so auch bei Ernesto Bertarelli. Zum aktuellen Geschehen meinte der Chef des Schweizer Syndikats: „Der Deed of Gift Match ist zwar be•dauerlich, da er viele Teams auf dem Trockenen sitzen lässt, doch er schafft die Gelegenheit, auf einem Katamaran zu segeln. Das machen wir hier auf dem Genfersee und es gefällt uns.“