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Die virtuelle Regatta auf Eroberungskurs

von Quentin Mayerat

Mit 50’000 Teilnehmern in zwei Regatten – eine erste zeitgleich mit der echten Regatta durchgeführte Wettfahrt, eine zweite fünf Tage später als Revanche – war die erste auf Virtual Regatta gesegelte Bol d’Or ein voller Erfolg. Phi-lippe Guigné, CEO und Gründer von Many Play-ers, erstaunt diese Zahl nicht. „Sogar an kleinen Anlässen bringen wir es immer mindestens auf 20’000 Spieler“, verrät er. Bei den klassischen Weltumsegelungen wie der Vendée Globe oder dem Volvo Ocean Race steigt die Zahl der virtuellen Teilnehmer jeweils sogar auf mehrere Hunderttausend. Die traditionsreiche Klassikerregatta vom Genfersee lag demnach bei ihrer Premiere im guten Durchschnitt. Hinter der Aufnahme neuer Regatten wie der Bol d’Or ins Virtual-Regatta-Programm steckt viel Aufwand, denn es müssen etliche Details und Besonderheiten des Wettkampfes berücksichtigt und umgesetzt werden. Zunächst mussten die Programmierer die Rasterung des Windes um das Zehnfache verfeinern, damit sie der Grösse des Genfersees entspricht. Die dafür nötigen Daten wurden ihnen von Meteo Schweiz zur Verfügung gestellt. Weitere spezifi sche Merkmale der Genfersee-Kultregatta sind die Wetterprognosen für die nächsten drei Stunden sowie stündlich statt üblicherweise alle 12 Stunden aktualisierte Windänderungen. „Es kann durchaus sein, dass wir solche Parameter auch für Regatten wie die Figaro oder die Tour de France à la Voile aufnehmen werden“, sagt Philippe Guigné.

Eine Erfolgsstory
Es gibt viele verschiedene Online-Regattasysteme, darunter SailOnline, Virtual Loup de Mer, Live Skipper und Ocean Racing, doch Virtual Regatta ist unbestritten das populärste und deshalb sind dort auch die grössten Regatten zu finden. Die Anmeldung ist gratis, für gute Resultate werden jedoch gebührenpflichtige Optionen benötigt. Bemerkenswert ist allein schon die Tatsache, dass dem vor vier Jahren für die Route die Rhum entwickelten Programm in der erbarmungslosen Welt der Computerspiele überhaupt der Durchbruch gelungen ist. Laut Philippe Guigné besteht die Hälfte der Angemeldeten aus Personen, die sonst nichts mit der Segelszene zu tun haben. Meistens sind das Freaks oder einfach nur Fans von Strategiespielen. Dies bestätigen auch die themenbezogenen Posts in den vielen Foren, in denen genauso viel über Computereinstellungen wie übers Segeln selbst und übers Wetter zu lesen ist. Angefressene Fans haben sich unter Namen wie RKN, TPN usw. zusammengeschlossen und die Gewinner sind fast immer die gleichen. Pseudos wie Aldabra, Philou33, Marchabob oder Shouldlose sind in den meisten Regatten ganz vorne anzutreffen. Aldabra hat sogar die von Loïck Peyron auf der Strecke von La Baule nach Dakar aufgestellte Bestzeit übertroffen. Selbst Blogs, in denen die besten Skipper sämtlicher Rennen aufgelistet sind (eine Web-Weltmeisterschaft also) tummeln sich im Internet.

Strategiespiele als Hobby
Einige „echte“ Segler nehmen an virtuellen Regatten teil, um dort Erfahrungen in Sachen Wetter und Routing zu sammeln, andere wiederum haben keinen blassen Schimmer, wie es auf hoher See wirklich zu- und hergeht. Sie verbindet aber eine gemeinsame Leidenschaft: die Strategie. Sébastien Destremau, Initiator und Moderator der virtuellen Vendée Globe und des Volvo Ocean Race, erklärte am letzten World Yacht Racing Forum von Monaco: „Aldabra, der derzeit wohl beste Spieler, hat seinen Hintern noch nie auf einem Boot gehabt. Für richtige Segler wie wir das sind ist das manchmal recht frustrierend.“ Auch der an der virtuellen Bol d’Or sechstplatzierte Paul Nayard ist noch nie gesegelt: „Ich habe an der Vendée Globe ange fangen Virtual Regatta zu spielen und seither an etwa zehn Anlässen teilgenommen“, sagt der Gamer. „Die Bol d’Or ist aber etwas Besonderes“, führt er fort, „denn im Gegensatz zu den anderen Wettfahrten muss man alle halbe Stunde an den PC gehen, wenn man ein achtbares Ergebnis erzielen will. Ich danke meiner Frau, dass sie meine Neurose für dieses Spiel erträgt.“ Shouldlose, der an beiden virtuellen Genferseeregatten zweiter wurde, kann dem nur zustimmen. Philou33, Dritter bei der Revanche der Bol d’Or und eigentlich eher Golfals Segelfan, weist darauf hin, dass das Niveau bei Virtual Regatta sehr hoch sei und jedes Rennen sehr knapp entschieden werde. Ausserdem sei die Rennstrategie meist wichtiger als die vielen Computertools, die einige entwickeln, um sich von der Masse abzuheben.

Und morgen?
ManyPlayers, Entwickler von Virtual Regatta, will sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen und entwickelt ein neues Produkt exklusiv für echte Segler. Bei dem neuen Regattaspiel wird ein Upund-Down-Kurs gesegelt, wobei keinerlei Programmierung möglich ist, sondern die Boote gesteuert und die Wettfahrtregeln eingehalten werden müssen. Ein ehrgeiziges und zugleich riskantes Projekt, denn es ist für einen Nischenmarkt bestimmt. Allerdings lässt der Anklang der Version für das breite Publikum erahnen, dass die Macher es verstehen, auch dieses Projekt zum Erfolg zu führen. Das Spiel erscheint diesen Herbst. Bleiben Sie online!

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