Ferrari sticht mit der Hypersail in See, einem 100 Fuß langen fliegenden Monohull, der von Guillaume Verdier entworfen wurde. Der weltweit für seine Renn- und Luxusfahrzeuge bekannte italienische Hersteller will die Erfolgsrezepte, die seine automobile Legende geprägt haben, nun auf den Hochseesegelsport übertragen.
Ein Labor ohne Klassenregeln
Ferrari hat sich bei seinem neuen Boot bewusst dafür entschieden, sich nicht durch ein Reglement einschränken zu lassen, um sämtliche Lösungen ausprobieren und testen zu können, die maximale Geschwindigkeit versprechen. Der Monohull soll daher auf mehreren Tragflächen segeln. Ein seitlich angebrachtes Foil, ein weiteres am Ruder sowie ein drittes in Verbindung mit dem schwenkbaren Kiel sollen den Rumpf entlasten und ihn möglicherweise weitgehend über die Wasseroberfläche heben. Das Ziel ist klar: maximale Geschwindigkeit. Je weniger der Rumpf mit dem Wasser in Kontakt ist, desto geringer der Widerstand und desto höher die Geschwindigkeit. Doch diese Gleichung wird deutlich komplexer, wenn dieses Gleichgewicht bei schwerer See über mehrere Tage oder sogar Wochen aufrechterhalten werden muss … Genau hier will das Ferrari-Team den entscheidenden Unterschied machen.
Von der Formel 1 zum Ozean
Neben der Geschwindigkeit, die die Hypersail erreichen könnte, soll das Boot vor allem als echtes Elektroniklabor dienen. Die Bewegungen der Foils werden von Systemen gesteuert, die permanent die Lage des Bootes analysieren und sein Verhalten korrigieren können. Ferrari will dabei seine Erfahrung in den Bereichen Bordelektronik, Aerodynamik und Energiemanagement nutzen – Technologien, die das Team täglich in der Formel 1 einsetzt. Das Boot soll insbesondere über eine Hochvolt-Elektroarchitektur verfügen, die direkt von Technologien abgeleitet ist, die für die leistungsstärksten Fahrzeuge der Marke entwickelt wurden.
Auch die Manöver wurden neu gedacht. Die von den Crewmitgliedern an Pedalen erzeugte Energie kann in elektrische Energie umgewandelt werden, um anschließend bestimmte Systeme an Bord mit Strom zu versorgen. So lässt sich die verfügbare Leistung präziser steuern, während die zu übertragenden Kräfte mehrere Tonnen erreichen können.
Dieser Ansatz vermittelt eine gute Vorstellung von der Philosophie des Projekts: Bei der Hypersail wird die Leistung nicht allein von der Form des Rumpfes oder der Segelfläche abhängen, sondern von der Fähigkeit des gesamten Bootes, als ein einziges System zu funktionieren.
Energieautonomie im Mittelpunkt des Projekts
Ferrari will außerdem die Abhängigkeit von einem Verbrennungsmotor zur Stromerzeugung auf ein Minimum reduzieren. Rund 100 m² Solarpaneele sollen in das Boot integriert werden, während weitere Systeme die Energiegewinnung ergänzen können. Diese Energie soll die Instrumente, Sensoren, Hydrauliksysteme und vor allem die Flugsteuerung versorgen. Das ist eine enorme Herausforderung bei einem Boot, dessen Stromverbrauch selbstverständlich deutlich höher sein wird als bei einem Hochseesegler, wie man ihn etwa beim Vendée Globe oder der Route du Rhum sieht. Das Team um Enrico Voltolini, einen Ingenieur und Segler, der unter anderem für Luna Rossa tätig war, vereint Spezialisten aus dem Hochseesegelsport, dem America’s Cup und dem Foiling. Eine logische Zusammensetzung für ein Boot, das genau an der Schnittstelle dieser drei Welten angesiedelt ist. Der Stapellauf, der ursprünglich für 2026 vorgesehen war, ist nun für das erste Quartal 2027 geplant. Livorno wird dabei als Basis für die ersten Testkampagnen dienen.
Die Weltumsegelung als großes Ziel
Nach den ersten Seemeilen und einer zwangsläufig komplexen Entwicklungs- und Testphase hat Ferrari die Weltumsegelung mit einer Crew im Visier. Das ultimative Ziel ist die Eroberung der Jules-Verne-Trophäe, die bislang noch kein Einrumpfboot gewinnen konnte. Eine Herausforderung, die den legendären Enzo … Ferrari zweifellos begeistert hätte.
