Am 1. November startet in Saint-Malo die härteste Transatlantik-Einhandregatta der Welt. Sie führt wie immer über den grossen Teich nach Guadeloupe. 118 Skipperinnen und Skipper kämpfen in sechs Klassen um den Sieg. Wer am Ende ganz vorne liegt, lässt sich nur schwer vorhersagen.
Text ) François Trégouët
3542 anspruchsvolle Seemeilen trennen Saint-Malo von Pointe-à-Pitre. Prognosen sind schwierig, doch in einem Punkt herrscht Einigkeit: Als Erster in Guadeloupe wird ein Ultim-Trimaran erwartet. Sieben dieser Giganten stehen in Saint-Malo in den Startblöcken. Vier davon sind feste Grössen, drei hingegen weitgehend unbekannt. Tom Laperche, Thomas Coville, Anthony Marchand und Armel Le Cléac’h treten mit ausgereiften, hochoptimierten Trimaranen an, die sie bis ins kleinste Detail kennen. Sie zählen daher auch zum engsten Favoritenkreis. Die Frage ist nur, wer von ihnen auf Charles Caudrelier, den Sieger von 2022, folgen und vielleicht sogar dessen Rekord von 6 Tagen, 19 Stunden, 47 Minuten und 25 Sekunden unterbieten wird. Doch vielleicht beerbt sich der Skipper des brandneuen Gitana 18 ja auch gleich selbst… Sein revolutionärer marineblauer Vogel hat unbestritten das Potenzial dazu, muss aber erst noch seine Zuverlässigkeit beweisen. Louis Burton ist neu in der Klasse und gilt mit dem ehemaligen Macif und späteren Actual, den er erst vor Kurzem übernommen hat, als Aussenseiter. Eine Bereicherung ist auch Alexia Barrier. Bei normalen Bedingungen dürfte ihr Idec Sport – CIC aus dem Jahr 2006 allerdings kaum mit den jüngeren Trimaranen mithalten können, es sei denn, die Flotte gerät unterwegs in eine Wetterhölle.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Die Ocean-Fifty-Klasse ist ausgeglichener. Hier können praktisch alle der Gemeldeten gewinnen. Nach dem Schock bei der letzten Transat Café L’Or, bei der gleich drei doppelbesetzte Trimarane in der ersten Nacht kenterten, tun die Teilnehmenden gut daran, die PS ihrer Gefährte zu zügeln, damit sie die Oberhand behalten. Die erste Bewährungsprobe wartet bereits bei der Ausfahrt aus dem Ärmelkanal und der anschliessenden Durchquerung der Biskaya. Doch auch die Rauschfahrten im Passat bergen Risiken. Stève Ravussin kann ein Lied davon singen. 2002 verschenkte er den sicher geglaubten Sieg, weil sich sein Trimaran 734 Seemeilen vor dem Ziel überschlug.
Wenn die Erfahrung über Sieg und Niederlage entscheiden sollte, haben der Veteran Erwan Leroux, der Wahl-Guadelouper Thibaut Vauchel-Camus und der Sieger der letzten Route du Café Baptiste Hulin gute Karten. Geben dagegen jugendlicher Elan und Talent den Ausschlag, kann sich Basile Bourgnon nach seiner beeindruckenden Vorstellung bei den 24H Ultim berechtigte Hoffnungen machen. Erwan Le Draoulec, Leonard Legrand und Matthieu Perraut werden ihm den Sieg allerdings garantiert nicht kampflos überlassen.
Kleineres Feld, viele Fragezeichen
Bei den IMOCA ist das Feld deutlich kleiner als vor vier Jahren. Die Zahl der Boote ist von 38 auf 23 geschrumpft. Zwei gehören zur neuesten Generation: Die Malizia 4 von Boris Herrmann und die Groupe Dubreuil von Sébastien Simon. Ihnen ist viel zuzutrauen, auch wenn sie nur wenig Zeit hatten, sich mit ihren neuen Booten vertraut zu machen.
Es könnte daher durchaus sein, dass das schlagkräftige Quintett aus Sam Goodchild, Jérémie Beyou, Ambrogio Beccaria, Corentin Horeau und Élodie Bonafous den Sieg unter sich ausmacht. Möglicherweise haben auch Violette Dorange und Maxime Sorel ein Wörtchen mitzureden.
Die Class40 stellen mit 49 Skipperinnen und Skippern das grösste Feld. Hier scheint der Ausgang weniger offen, denn Guillaume Pirouelle und Corentin Douguet dominierten die letzten Rennen souverän. Hinter diesen beiden heissen Siegesanwärtern drängen sich zahlreiche Aussenseiter. Alexis Loison, der 2025 einen Lauf hatte, der junge Pep Costa, der erfahrene Vincent Riou, der kämpferische Axel Tréhin, der Globe-40-Sieger Ian Lipinski, der talentierte Fabien Delahaye und der Italiener Luca Rosetti treten allesamt mit hochklassigen Scows an.
Eine Hall of Fame auf dem Wasser
Bei den Vintage Mono und den Vintage Multi sind Prognosen angesichts der sehr unterschiedlichen Boote noch schwieriger. Doch gerade diese Vielfalt und die zahlreichen legendären Boote machen den Reiz dieser Klassen aus. Namen wie Jean Le Cam, Halvard Mabire, Roland Jourdain, Marc Guillemot und Francis Joyon lesen sich wie eine Hall of Fame des Hochseesegelns.
Gilles Lamiré, Damien Seguin und Eric Péron treten wie Joyon mit ehemaligen ORMA-Trimaranen an und werden sich vermutlich ein Rennen im Rennen liefern. Kieran Le Borgne, Hugo Lefort und Antoine Brunet segeln mit überarbeiteten IMOCA-Legenden – PRB 2, Geodis und Le Cigare Rouge. Und Christophe Bachmann nimmt mit der grossen Adrien teil, die Jean-Luc Van den Heede einst gegen Wind und Strömung um die Welt geführt hatte.
Spannung ist damit in allen sechs Klassen garantiert. Doch ganz gleich, wer in Pointe-à-Pitre gewinnt, genau das macht den Zauber der Route du Rhum aus: Jede Geschichte wird auf ihre eigene Art schön sein. Vom 1. November bis zum 3. Dezember, wenn die Ziellinie geschlossen wird, werden wir mit unseren Gedanken alle ein Stück weit bei den Skipperinnen und Skippern sein, die allein dem Atlantik trotzen.



